Ehe noch der letzte Faden zum Leben zerrissen und die stille Frau in die Gruft gesenkt war, schrieb Edgar Poe sein Meisterstück, den „Raben“. Und zu diesem Gedicht, das in der Weltliteratur nicht seinesgleichen hat, nahm er, — ich möchte es den englischen Heuchlern ins Gesicht schreien — die Ekstase wie aus dem „heiligen“ Rausche des um die Verlorene blutenden Herzens, so auch aus dem „gemeinen, lasterhaften“ Rausche der Weinflasche!
Jeder Irrenarzt, der sich mit Säuferwahnsinn
beschäftigt hat, wird mit Leichtigkeit nachweisen können, was in dem „Raben“ mit absoluter Gewissheit einem Delirium entstammt; ebenso leicht ist für den Psychologen der Nachweis des andern Rausches, den der Dichter Virginia, der „lost Lenore“, hier verdankt. Und damit vergleiche man das freimütige, wunderbar klare Essay, das Poe über die Entstehung des Gedichtes schrieb. Jede Strophe, jede Zeile, jeden einzelnen Wortklang begründet er in verblüffend einfacher Logik, es ist fast, als ob er den binomischen Lehrsatz beweisen wollte! Freilich die Hauptsache, die Ekstase und ihre Entstehung aus einem heiligen und einem — ach, so unheiligen Rausche erwähnt er mit keinem Wort — schrieb er sein Essay doch für neuengländische Magazinleser, wie hätten die einen Dichter verstehen sollen, der von einer Ekstase sprach!? Das Handwerksmässige, das rein Technische, das, was die Kunst ausmacht, die auf das Können sich stützt, das ist nie von einem Dichter klarer und überzeugender dargelegt worden, als in diesem Essay: ein Lehrbuch der Dichtkunst an einem Meisterbeispiel! Freilich — —
benutzen werden Gevatter Schneider und Handschuhmacher den Leitfaden nie können, für den Künstler aber ist er die wertvollste Belehrung, die es gibt. — Mag er daraus ersehen, dass „der göttliche Rausch“ allein kein vollkommenes Kunstwerk schafft, dass die gemeine Arbeit, die verachtete Technik, das Überlegen und Feilen, das Wiegen und Tönen ebenso unentbehrlich sind.
— Nicht der gewaltige Gedanke des arabischen Baumeisters allein schuf die herrliche Alhambra: Maurer und Eseltreiber, Gärtner und Anstreicher, jeder trug sein Teilchen bei!
— Edgar Allan Poe war der erste Dichter, der mit solcher Offenheit von der Arbeit, von dem rein Handwerksmässigen sprach. Da, und auch wohl nur da, war er Amerikaner, da stand er, und das will mehr sagen, an der Schwelle modernen Denkens — — als erster. Ein glänzender Beweis für den Vollwert dieses Künstlers, der nur von der Technik spricht und mit keinem Worte hier die Intuition erwähnt, die der Dilettant immer im Munde führt. Vielleicht, wenn er für andere Leser in seinem Magazine geschrieben hätte,
vielleicht wäre er noch einen Schritt weiter gegangen, hätte ihnen wohl gar von der Technik des Rausches erzählt.
Nie vor ihm hat ein anderer sein eigenes Kunstwerk so zergliedert, so bis auf die letzte Faser anatomisch zersetzt. Der göttliche Hauch, der die Bibel diktierte, spukt bis auf unsere Tage in dem Glauben der Masse herum, und die Herrn Künstler von Gottes Gnaden hüteten sich wohl, das Inspirationsfabelchen aufzuklären. Wenn der heilige Geist über sie kam — dann malten, dichteten, komponierten sie und setzten mehr oder weniger immakulate Geisteskindlein in die Welt. Das war so nett, so bequem, dass gewiss manche grosse Künstler selbst an die geheimnisvolle Weihe glauben mochten. „Trunken vom Gotte“, hiess der thrakische Sänger, auch wenn er so nüchtern war wie Sokrates. Dieser Gedanke, der sich in der dionysischen Urform fast mit unseren modernen Anschauungen von Rausch und Ekstase deckt, bekam in der spätern apollinischen Auffassung — — die „göttliche Salbung“, die die christliche Weltanschauung, wie so vieles, das klares Denken
zu trüben imstande war, mit grosser Begeisterung übernahm. Alle die schönen Phrasen von dem Platz im Olymp, von dem Kuss der Muse, von dem göttlichen Rausche, von dem Gottesgnadentum des Künstlers usw. — bei denen wir uns Gott sei Dank nicht das geringste mehr denken — haben da ihren Ursprung.
Es gehörte Mut dazu, diesen leuchtenden Nebel zu zerschlagen; wenige, gar wenige Gedichte der Weltliteratur vertragen eine solche unerbittliche Zersetzung. Aber weil Poe in seinem „Raben“ ein Kunstwerk geschaffen, so rein, so vollendet, konnte er den Schritt wagen. Das Kleinliche, das Lächerliche und Absurde, das alles Erhabene sonst in den Staub reisst, vermag nichts dieser Vollkommenheit gegenüber.