— Mein Blick fällt auf die Wandbekleidung des Saales. Im Stile Mudejar verschlingen und lösen sich die Arabesken und kufischen Sprüche, das Auge mag sich nicht satt sehen an all diesen phantastischen Harmonien. Nun, das arabische Wunderwerk besteht aus Gips, gemeinem Gips — — wie lächerlich, wie kleinlich, wie absurd! Aber obschon es aus erbärmlichem Gips besteht, verliert dieses vollkommene
Kunstwerk nichts von seiner Erhabenheit. Die gemeine Materie atmet den Hauch des Geistes — die Kunst triumphiert über die Natur, und diese Kunst ist so gross, dass ihr meine Erkenntnis des lächerlichen Stoffes nichts anhaben mag!
DER RABE
Zeichnung von C. F. Tilney
Poe brauchte eben das uralte Lügenmäntelchen nicht mehr. Er sah, dass es fadenscheinig und zerrissen war, und warf es kühn zur Seite. In den paar Worten, mit denen er in „Heureka“ den Begriff der Intuition definierte, als „eine Wahrheitserkenntnis, die sich auf Induktionen und Deduktionen gründet, die so schattenhaft sind, dass sie sich unserem Bewusstsein entziehen, sich vom Verstande nicht fassen lassen und der Ausdrucksfähigkeit der Sprache spotten“, — liegt eine klarere Erkenntnis der Wege des künstlerischen Schaffens, als einer seiner Zeitgenossen sie hatte. Indem der Dichterphilosoph also der sogenannten „Intuition“ der Philosophie gegenüber — speziell Aristoteles und Bacon gegenüber, mit denen er sich auseinandersetzt — eine Stelle einräumt, die ihr diese abspricht, bestimmt er zugleich ihren Wert und zwar in
einem engbegrenzten, untheologischen, durchaus modernen Sinne. Das ist das Grosse an diesem ersten Menschen mit modernem Geiste, dass er, der Romantiker, der Träumer, doch ein Anbeter des Verstandes war, der nie den Boden der Erde unter den Füssen verlor!
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Edgar Allan Poe bekannte also — als Erster — offen die Technik des Denkens, nahm Zolas „Genie ist Fleiss“ um Jahrzehnte vorweg. Und dieser selbe Edgar Allan Poe schrieb in seinem Vorwort zu „Heureka“:
„Denen, die mich lieben und die ich liebe; den Träumern und denen, die an Träume glauben, als an das einzig Wirkliche — widme ich dies Buch der Wahrheiten, nicht um Wahrheiten zu erzählen, sondern um der Schönheit willen, die in der Wahrheit sich birgt, die allein die Wahrheit wahr macht. Ihnen weihe ich diese Arbeit, nur als ein Werk der Kunst, einen Roman, wenn ihr wollt; oder auch, wenn das nicht zuviel gesagt ist, als ein Gedicht. Was ich hier sage, ist wahr, deshalb kann es nicht sterben: und wenn es irgendwie vergehen sollte, so wird es wieder auferstehen zu ewigem Leben.“
So stellt Poe, völlig unabhängig von Th. Gautier, sein L’art pour l’art-Prinzip auf. Grösser als Gautier, der die Schönheit nur mit dem Auge des Malers sah, stellt er seine Forderung, und auch tiefer als Gautier, dem die äussere Form allein die Schönheit offenbarte. Die Schönheit erst macht ihm die Wahrheit — zur Wahrheit, deren Daseinsberechtigung er ohne die Schönheit verneint: das ist die höchste Anforderung an die Kunst, die je gestellt wurde. Und da diese Forderung sich nur in Sehnsüchten erfüllen kann, sind ihm die Träume das einzig Wirkliche, spricht er dem wachen Leben jeden Realitätswert ab. Auch hier ist Poe — der Romantiker — ein Pfadfinder, auch hier offenbart er als Erster das, was wir „modernen Geist“ nennen. Hat er das von Zola gemünzte Prinzip des technischen Schaffens vorweg genommen, hat er weiter der Parnassier Kunstprinzip unabhängig