von ihnen aufgestellt, so überspringt er hier um ein halbes Jahrhundert die Zeit und gibt eine Forderung, so ultramodern, dass selbst heute nur ein kleiner Teil der fortgeschrittensten Geister sie in ihrer ganzen radikalen Grösse verstehen wird.
Die Befruchtung der Literatur der Kulturvölker durch Poes Geist wird erst in diesem Jahrhundert volle Blüten treiben: das vergangene sah ihm nur ein paar lächerliche Äusserlichkeiten ab, ein Räuspern und Spucken, das freilich den glücklichen Abguckern, den Jules Verne und Conan Doyle ein Vermögen eintrug. Ganz gewiss hat der darbende Poe diese Sachen nur für das tägliche Brot geschrieben: die See- und Mondreisen Gordon Pyms und Hans Pfaals usw., sowie einige der Kriminal-Novellen (wie z. B. der „Mord in der Rue de Morgue“, der „Entwendete Brief“, der „Goldkäfer“) sind durchaus nur aus dem Bedürfnis heraus entstanden, warm zu Mittag speisen zu können. Denn Poe wusste, was hungern heisst! So schrieb er diese Sachen, wie er auch Übersetzungen anfertigte und an allen möglichen wissenschaftlichen Werken
mitarbeitete. Freilich, jede einzelne der Geschichten, und sei es die schwächste, lässt alle Abenteuer des eminenten Sherlock Holmes verblassen. — Warum das grosse Publikum, und namentlich das englischredende, trotzdem Doyles lächerliche Detektivgeschichten mit Begeisterung verschlingt und die Poeschen aus der Hand legt? Nichts ist verständlicher! Poes Figuren sind, wie die Dostojewskys, so echt, seine Komposition ist so lückenlos, hält die Phantasie des Lesers so unentrinnbar in ihren Netzen, dass auch der Tapferste sich eines Grauens nicht zu erwehren vermag, eines qualvollen, mörderischen Grauens, das wie ein grausamer Albdruck festhält. Bei seinen so ausserordentlich beliebten Nachahmern aber ist dies Grauen nichts als ein angenehmer Kitzel, der in keinem kleinen Moment den Leser einen Zweifel an der Kulisse ankommen lässt. Der Leser weiss stets: das ist alles dummer Unfug; er steht über dem Erzähler — das will er! Poe aber nimmt ihn beim Schopfe, reisst ihn in Abgründe und schleudert ihn in Höllen, dass dem armen Tropf Hören und Sehen vergeht, dass er nicht
mehr ein noch aus weiss. Darum zieht der gute Bürger, der gern ruhig schlafen will, den Kulissenhelden der Bakerstreet vor und bedankt sich für Poes grauenhaften Nachtmar. Man sieht: auch da, wo er bürgerlich sein wollte, wo er für die grosse Masse schreiben wollte, steckte er sein Ziel viel zu hoch; sprach zu Bürgerköpfchen und glaubte zu seinesgleichen zu reden! Um sein Hirn zu Markte zu tragen, lief er von Verleger zu Verleger herum — — zu Leuten, die Stroh kaufen wollten!
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Aber eine Zeit, die kommt, wird reif sein für des Dichters Gaben. Schon erkennen wir klar den Weg, der von Jean Paul und Th. A. Hoffmann zu Baudelaire und Edgar Allan Poe führt, diesen einzigen Weg, den eine Kunst der Kultur gehen kann, schon haben wir manche Ansätze — —
Diese Kunst wird nicht mehr in engem nationalen Kleide stecken. Sie wird sich bewusst sein, wie sich Edgar Allan Poe als Erster bewusst war, dass sie nicht für „ihr Volk“ da
ist, sondern einzig für die dünnen Kulturschichten, ob diese germanischer oder japanischer, lateinischer oder jüdischer Art sind. Kein Künstler hat je für „sein Volk“ geschaffen, und doch haben es fast alle gewollt und geglaubt. Der grossen Masse in Spanien ist Velazquez und Cervantes genau so völlig unbekannt, wie dem englischen Arbeiter Shakespeare und Byron, wie dem französischen Rabelais und Molière, wie dem holländischen Rembrandt und Rubens sind. Das deutsche Volk hat nicht die geringste Ahnung von Goethe und Schiller, es kennt die Bürger und Heine nicht einmal dem Namen nach. Die kleinen Rundfragen bei den Soldaten einzelner Regimenter: „Wer war Bismarck? — Wer war Goethe?“ sollten doch dem vertrauensseligsten Blinden endlich die Augen öffnen. Ganze Welten trennen den Kulturmenschen in Deutschland von seinen Landsleuten, die er täglich auf der Strasse sieht: ein Nichts aber, eine Wasserrinne nur, trennt ihn von dem Kulturmenschen in Amerika.
Heine fühlte das und warf es den Frankfurtern ins Gesicht, Edgar Allan Poe sprach
es noch viel klarer aus. Die meisten Künstler aber und Gelehrten und Gebildeten aller Völker hatten ein so geringes Verständnis dafür, dass bis auf unsere Tage Horaz’ feines „Odi profanum“ falsch ausgelegt wird! Der Künstler, der für „sein Volk“ schaffen will, erstrebt etwas Unmögliches und vernachlässigt darüber häufig etwas Erreichbares und doch Höheres: für die ganze Welt zu schaffen. Über dem Deutschen, über dem Briten und Franzosen steht eine höhere Nation: die Kulturnation; für sie zu schaffen, ist des Künstlers allein würdig. Hier war Poe bodenständig, so wie es Goethe war, wenn auch in anderm, ebenso bewusstem, aber längst nicht so modernem Sinne.