die prächtigste Orchidee — — — ist sie weniger schön, weil sie sich von Insekten ernährt, die sie in der schmählichsten Weise langsam zu Tode quält? Wir freuen uns im Parke von Cintra über die herrlichen Lilien, wir staunen: so gross, so weiss haben wir sie nie gesehen! Was geht es uns an, dass sie all ihre aussergewöhnliche Pracht dem Umstand verdanken, dass der kluge Gärtner ihren Nährboden nicht mit dem „natürlichen“ Wasser, sondern mit Guano, mit ausgesuchtem Kunstdünger behandelte?!
— Es wird einmal eine Zeit kommen, wo man mitleidig lächeln wird über die breiten Landstrassen unserer rauschlosen Kunst, die nur spärlich hier und da durch des Alkohols trübe Laternen erhellt werden. Eine Zeit, für die die Begriffe Rausch und Kunst ein untrennbares Ganzes sind, die nur innerhalb der grossen Rauschkunst Unterschiede kennt. Dann erst wird man den Pfadfindern die hohe Stelle geben, die ihnen gebührt, den Hoffmann, Baudelaire, Poe — — den Künstlern, die zuerst bewusst mit dem Rausche arbeiteten.
Seid doch ehrlich! Gibt es einen Künstler, der des Rausches ganz entbehren kann? Nehmen sie nicht alle ihr kleines Giftchen: Tee, Tabak, Kaffee, Bier oder was es sei? Muss nicht der Geist „vergiftet“ werden, um Kunstwerte zu schaffen, sei es nun, dass er das Gift durch den Körper empfängt, sei es — — — auf andere Weise?
Denn es gibt manche andere Weisen — —
Die Kunst ist der Natur entgegengesetzt. Ein Mensch, der physisch und psychisch rein abstinent lebt, dessen Voreltern auch durch lange Generationen hindurch ebenso abstinent lebten, so dass sein Blut nicht, wie bei uns allen, längst „vergiftet“ ist, kann nie ein Künstler werden — wenn nicht eines Gottes Gunst seinem Leben andere Sensationen schenkt, die Ekstasen erwecken mögen. Aber auch das sind Vergiftungen des Geistes! Natur und Kunst sind die schlimmsten Feinde: wo die eine herrscht, ist die andere unmöglich.
Was ist — — im engsten, im besten Sinne — der Künstler? Ein Pionier der Kultur in das Neuland des Unbewussten!
Wie wenige verdienen in diesem heiligen Sinne den stolzen Namen! Th. A. Hoffmann verdient ihn, und Jean Paul und Villiers und Baudelaire — — Und ganz sicher auch Edgar Allan Poe, das müssen selbst die Griswolds dem Dichter zugestehen, der in so manchen seiner Geschichten ein geheimes Land der Seele betrat, von dem niemand vor ihm — und am wenigsten die Wissenschaft — eine leise Ahnung hatte!
In grauer Nebelwolke träumt vor uns das gewaltige Land des Unbewussten, das ewige Land unserer Sehnsüchte. Warm liegt der Bettler in der Sonne, hockt der satte Bürger am Ofen. Aber es gibt Menschen, deren blutende Sehnsucht so ungeheuer ist, dass sie hinaus müssen aus dem, was wir wissen. Robur et aes triplex muss ihre Brust schirmen, wenn sie das sonnige Land des Bewusstseins verlassen, wenn sie durch die grauen Mörderfluten nach Avalun steuern. Und viele, viele gehen schmählich zugrunde, ohne je einen Blick hinter die Wolken zu werfen.