„Bitte nein, liebe Tante.“
„Recht gute Besserung, Kind. Ich stelle dir unten das Akonit hin. Zehn Tropfen, hörst du.“
„Ja, liebe Tante.“
Langsam schloß sich die Tür wieder. Tante Marianne hatte so geräuschlose Sohlen. Aber heut hörte Helene jeden, jeden ihrer Schritte auf der Treppe, bis zur letzten Stufe, und jeder dieser sanften schleifenden Tritte schmerzte.
Wieder saß sie im tiefen Dunkel. Saß regungslos. Und dachte immer wieder: gelogen — gelogen — gelogen —
Und dachte nun doch zurück an den heutigen Vormittag. Gerade weil sie ja wußte, was der Bruder da leichthin geredet hatte, war gelogen. Selbstverständlich gelogen. Alfred, der ihr heute — heute — ins Ohr geflüstert hatte: „Mann und Frau“ ... „wir allein, ganz allein“: Alfred sollte gestern abend ...
... sollte überhaupt! Ach, diese schlechten, schlechten Menschen!
Lachen müßte man — wenn man nur könnte —
Aber sie selber: sie selber war auch schlecht gewesen. Denn schlecht war es, daß sie kein volles Vertrauen zu ihm fassen konnte. Wie kam das überhaupt? Wenn man jemand liebt, muß man volles Vertrauen haben. Unbedingtes, grenzenloses Vertrauen. Muß Opfer bringen können. Ja, hätte sie denn nicht für ihn sterben mögen ... sterben mit tausend Freuden!
Sie aber ... sie hatte nach Harro gerufen. Wie um Hilfe. Nach dem dummen Jungen, der seines Weges kam, schlendernd, mit der Mappe unter dem Arm. Die Fäuste in den Manteltaschen. In den Augen dieses argwöhnische Überwachen. Was fiel dem Jungen ein!