Draußen war es schneidend kalt. Aber die Kälte tat Helene wohl. Sie atmete tief auf. Der Kopfschmerz war verschwunden. Wie fortgezaubert. Durch die Kälte vielleicht, durch den Entschluß vielleicht. Durch einen großen, guten Entschluß! Der das Herz so leicht macht und so froh.
Schnellen Schrittes ging sie die Tiergartenstraße entlang, dann durch die Lennéstraße. Es war sehr leer auf den Straßen bei der starken Kälte. Im Rauhreif standen links die Bäume des Tiergartens, winkten rechts die des Radziwillparks über die alte Stadtmauer. Sogar auf dem Pariser Platz war es still. Der Posten an der Brandenburger Torwache lief in schwerem Mantel hinter dem Gitter herum, um sich warm zu halten. ‚Das ist der Weg, den wir am ersten Tage in Berlin gegangen sind‘, dachte Helene. ‚Und nun gehe ich zu ihm — zu ihm!‘
Das kurze Stück Unter den Linden, die Wilhelmstraße. ‚Ja, zu ihm! Was er wohl für Augen machen wird? ‚Du, Helene?!‘ Ans Herz wird er mich nehmen, und ich will ihm abbitten, alle meine Zweifel, all meine häßlichen kleinen, kleinlichen Gedanken.‘
Jetzt kam die lange Behrenstraße. Ganz am Ende wohnte er, fast gegenüber dem Opernhause. Oft genug war sie ja vorübergegangen, hatte zu seinen Fenstern emporgesehen mit pochendem, sehnsüchtigem Herzen.
Plötzlich kam ihr der Gedanke: wenn er nun nicht zu Hause ist? Aber das war ja unmöglich. Er mußte zu Hause sein, heute: das wollte das Schicksal.
Sie war sehr schnell gegangen, zuletzt fast gelaufen.
Nun, plötzlich, als sie auf der anderen Straßenseite die erleuchteten Fenster des Ewestschen Restaurants sah, stockte ihr der Atem. Dort also hatte er gesessen, in lustiger Gesellschaft, gestern abend — in solcher Gesellschaft. Was hatte Wilhelm erzählt? Doch das war ja gelogen — gelogen — gelogen —
Sie wiederholte es sich immer wieder, immer eindringlicher. Aber das würgende Gefühl in der Brust wurde sie nicht los, die atembeklemmende Enge. Mühsam nur kam sie vorwärts, und jetzt erst fühlte sie die schneidende Kälte, den scharfen Wind, der die Straße entlang jagte, ihr gerade ins Gesicht. Sie schauerte zusammen. An der Rückfront des Palais mußte sie einen Augenblick stehen bleiben. Und da schoß ihr plötzlich der Gedanke durch den Sinn: ‚Hier wohnt der alte König, und Vater kommt als sein Gast. Vater!‘
‚Vater —‘
‚Was Vater wohl dazu sagen würde, wenn er dich hier fände, auf diesem Wege?!‘