Sooft hatte er ihr den Nacken gesteift, hatte sie den Kopf zurückwerfen lassen, der Hackentinsche Stolz. Halb unbewußt beides: Familienstolz und Mädchenstolz. Heut hatte sie das beides weit hinter sich geworfen. Aber nun war’s doch, als hörte sie Vaters Stimme: „Mädel, wo hast du deinen Stolz?“
Sie biß die Zähne aufeinander, stand noch einen Moment mit geschlossenen Augen. ‚Mein Stolz? Ja, mein Stolz! Was ist mein Stolz gegen meine Liebe!‘ Und weiter ging sie, an den kümmerlichen Büschen des Opernplatzes entlang, jetzt schon seine Fenster suchend.
Die Fenster waren dunkel. Er war nicht daheim.
Aber er mußte ja zu Hause sein. Er hatte gewiß auch ein Zimmer nach dem Hofe hinaus.
Wieder stand sie ein paar Minuten, nach den Fenstern dort drüben hinüberspähend, als ob im nächsten Augenblick hinter den Rouleaus ein Lichtschein aufflammen müßte.
Dann wollte sie über die Straße. Sie mußte ja doch über die Straße. In dies Haus drüben, die zwei Treppen hinauf. Sie mußte ja doch ...
Aber es war wie eine Lähmung in ihr. Die Füße wollten sie nicht hinübertragen. Der Mädchenstolz, der Hackentinsche Stolz war mit einem Male wieder da: Helene Hackentin geht in später Abendstunde zu ihrem Geliebten!
Als ob ihr das jemand ins Ohr raunte. Wie häßlich das war, wie gemein das klang!
Dabei wiederholte sie schwer, langsam die Worte. Triumphierend wollte sie es sich selber zurufen: ‚Ja doch! Ja doch! Gerade das: zu ihrem Geliebten!‘ Aber es ging nicht, der häßliche Klang blieb und blieb.
Einmal sah sie sich wirr um. War es denn überhaupt schon so spät? Sie hatte keine Uhr befragt. Die Straße, der Platz waren menschenleer; doch die Häuser waren noch nicht geschlossen; das Opernhaus war noch erleuchtet. Aber das tat ja alles gar nichts, bedeutete ja gar nichts. Und wenn es zur Mitternachtsstunde gewesen wäre —