Da fühlte sie eine sanfte, starke Hand an ihrem Arm. Hörte eine Stimme: „Liebe Helene ... ich bin’s ... ich, Harro! Komm ... erlaube, daß ich dich stütze ... liebe Helene ...“
Klar bewußt wurde ihr all das nicht. Aber in ihrer ohnmächtigen Hilflosigkeit empfand sie die hilfreiche Hand, empfand sie den zärtlichen, mitleidsvollen Ton der Stimme. Sie lehnte sich auf den Arm, ließ sich willenlos halten und stützen. Wie von fern her hörte sie wieder: „Nicht durch die vielen Menschen, Helene, nicht wahr? Die Oper ist eben aus. Drüben bekommen wir gewiß einen Wagen.“
Er führte sie, langsam, sorglich, wie man eine Kranke führt. Hob sie in die Droschke, setzte sich still neben sie, fragte nicht, hielt nur ihre Hand mit einem weichen, gleichmäßigen Druck.
Ganz zusammengesunken saß sie in ihrer Ecke. Manchmal ging ein Schauern über sie hin, sie zuckte zusammen wie in einem schrecklichen Traum, schluchzte weh auf. Manchmal faßte ihre freie Hand nach dem Halse, als suchte sie etwas, das sie einengte, ihr den Odem abschnürte.
Die Droschke trottete und trottete über das Pflaster. Es tat so weh, so weh ...
Einmal fuhr Helene auf, rief wie erwachend, fast feindselig: „Wohin bringst du mich!“
Da war wieder die liebe, zärtliche, mitleidsvolle Stimme: „Ängstige dich nicht, Helene ... nach Hause ...“ Ganz seltsam klang die Stimme, so ruhig, so zuversichtlich. War das wirklich Harros Stimme, war das Harros Hand, die die ihre hielt? Merkwürdig ... Harros Hand ... und tat so wohl ...
Wieder kauerte sie sich zusammen, ganz tief in ihre Ecke. Schreckte von neuem auf: „Wo kommst du denn her?“
„So laß doch, Helene. Ich kam ganz zufällig über den Opernplatz.“
Ob er wohl log? Gewiß log er. Das fühlte sie. Aber weiter konnte sie nicht denken. Nur daß er gut zu ihr war, wußte sie.