Der hatte das gnädige Fräulein gleich gesehen, und während er die Register zog, dachte er bewegt: ‚Wie sie nun wohl singen wird, unser Fräulein Helene, nun sie auf der hohen Schule war. Das wird wie eine vox angelica klingen.‘
Aber als die erste Strophe aufklang, lauschte und lauschte er vergebens: die große, helle Stimme fehlte im Chor. Und als er sich verstohlen umwandte, sah er, wie Helene starr vor sich hinblickte — mit festverschlossenen Lippen.
Achtes Kapitel
Wieder lag der Schnee über der Rohlbecker Flur, und die Buchenscheite knatterten in den Kachelöfen. Der alte Rittmeister — das war er geblieben, wenn er auch in den Listen der Veteranen nur als Premierleutnant figurierte — der Rittmeister war trotz der schlechten Ernte des letzten Jahres in gehobener Stimmung. Donnerten doch endlich einmal wieder die preußischen Kanonen: gerade vor acht Tagen hatten die Preußen und Österreicher die Dänen aus Schleswig-Holstein herausgeworfen, so daß die nur noch in Düppel und auf Alsen saßen. Man denke: Preußen und Österreicher! Fast wie Anno 1813/14 war das, und wenn der Rittmeister auch manchmal über die Strategie der Bundesgenossen von damals bedenklich den Kopf geschüttelt hatte, auf die österreichische Tapferkeit ließ er nichts kommen. Sogar die alte Gnädige nahm Interesse an den Vorgängen „da oben“. Recht genau verstand sie die Zusammenhänge nicht, aber wenn Vater aus der „Kreuzzeitung“ vorlas, dann klangen auch einzelne Reminiszenzen aus vergangenen Tagen in die Gegenwart hinüber: einen Rittmeister von Gablentz hatte sie im Jahre achtzehnhundertfünfunddreißig, oder war’s sechsunddreißig, oder war’s siebenunddreißig, in Karlsbad kennengelernt, sicher denselben, der „da oben“ nun als Feldmarschalleutnant kommandierte; und dann der alte Wrangel: der hatte ihr ja schon, als sie ein blutjunges Komteßchen war, in die Backe gekniffen — damals, als er gerade Stabsrittmeister bei den ostpreußischen Kürassieren geworden war.
Wenn der Herr von Hackentin am runden Tisch in der großen Stube, auf dem immer noch keine Petroleumlampe leuchten durfte, aus der ersten Seite der „Kreuzzeitung“ die neuesten Nachrichten vom Kriegsschauplatz vorlas, dann flammten seine Augen auf und zu den beiden Enkeln hinüber: „Ja, Jungens, die Preußen und die Österreicher! Die Alliierten von dreizehn! Schade, daß ihr nicht dabei seid! Das heißt — hm! — es hat ja auch so seine zwei Seiten mit dem Krieg. Aber ’n Lump, der nicht kommt, wenn der König ruft!“ Sobald er jedoch auf die zweite Seite der Zeitung kam, wurde er verdrießlich. „Der Deubel sollte sie holen, diese Demokraten! Das heißt: ich will nicht fluchen. Aber da haben sie im Abgeordnetenhause rundweg die Kriegsanleihe abgelehnt. Natürlich bloß aus Opposition! Und der große Schulze-Delitzsch erklärt feierlichst: ‚Preußen mißbraucht seine Großmachtstellung.‘ Na, natürlich unser roter Kreisrichter wird wohl auch in dasselbe Horn blasen.“ Nur er durfte im Hause noch den Namen des zweiten Sohnes nennen und tat’s stets mit größter Erbitterung: „roter Kreisrichter“ war noch eine sanfte Bezeichnung. Und dann bekam, zum Schluß, immer der Hauslehrer seine Pille: „Na, Herr Doktor, ich hab immer noch nichts von Ihrem Beitritt zu unserem guten Preußischen Volksverein gehört! Sind wohl auch heimlicher Nationalvereinler? Ja, und denken auch so: preußischer Großmachtskitzel. Wie? Das heißt ... natürlich ... haben ja noch kein Pulver gerochen!“
Martha und Helene saßen dazwischen und zupften Scharpie. Kleinen Hügeln gleich bauten sich vor ihnen die weißen losen Fäden auf, und wöchentlich einmal nahm die Botenfrau den Packen mit nach Stellberg, wo in der Apotheke eine Sammelstelle errichtet war. Sobald Vater aber seine Zeitung zusammengefaltet und das Beiblatt mit den Familienanzeigen an Mutter abgegeben hatte, damit die „ihren Honig daraus sauge“, fing er an, Kriegsgeschichten zu erzählen. Dann schoben die Jungens ihre Schmöker beiseite und lauschten. So schön wie Großvater erzählte, so schön stand’s doch nicht in den Büchern.
Manchmal aber, wenn die Posttasche entleert wurde, schob Vater auch Helene einen Brief zu. Neuerdings immer mit einem gewissen Respekt, denn die Briefe trugen den Feldpoststempel „von da oben“.
Bekam Helene solch einen Brief, so tauschte sie mit der Schwägerin einen Blick des Einverständnisses und ging hinauf in ihr Zimmer, um den Brief in der Einsamkeit zu lesen. Vater murrte dann manchmal: „Natürlich wieder vom Harro. Als ob sie die Epistel von dem Jungen nicht auch hier lesen könnte. Das heißt, Junge darf man eigentlich nicht mehr sagen, seit er’s Portepee hat ... der Oschitz.“ Gegen Neujahr war Harro beim vierten Garde-Regiment als Junker eingetreten.
Wenn Helene vor einem der frischen fröhlichen Feldzugsbriefe saß, aus dem so viel junger Mut und so viel Freude am Drauflosgehen sprach, dann dachte sie jedesmal an den ersten Brief zurück, den sie von ihm erhalten hatte. Ein Brief war’s eigentlich nicht gewesen, sondern nur ein doppelter Aufschrei: „Das hier für Dich. Es wurde abgegeben und ich hab’s ergattert, damit’s nicht in unrechte Hände kommt. Schicken mußt ich’s Dir ja wohl. Ach, liebe Helene, ich bin so traurig. Ich habe solche Sehnsucht nach Dir!“
„Das hier“ war ein eingelegter Brief von Alfred Schwarz.