Sie hielt das verschlossene Kuvert lange in der bebenden Hand. Dann ging sie, schwer und langsam, bis zum Ofen und warf den Brief in die Flammen.
Nicht lange darauf war Tante Marie aus Rackow heruntergekommen, unerwartet und unangesagt, zur Kaffeestunde. Hatte unten ein wenig paradiert in ihrem fußfreien perlgrauen Popelinekleide mit der braunroten Tunika darüber und dem Pelzbesatz um den Hals: „Denkt euch, ja, man darf’s endlich wieder zeigen, wenn man ein hübsches Füßchen hat, und die Krinoline wird kleiner und immer kleiner —“; hatte diese kleinen Füßchen in den Lackstiefeln und, unerhört, ein Stückchen eines rotgezwickelten Strumpfes sehen lassen, sowie ihren neuen „Pagenhut“; hatte lachend erzählt, daß Ernst endlich einen guten Käufer für das Vorwerk Grunow gefunden hätte, und hatte dann Helene unter den Arm gefaßt: „Mignonne, Liebes, jetzt komm’ ich auf einen Stipps mit dir hinauf.“
Oben setzte sie sich vor den kleinen Schreibtisch, wippte hin und her, lächelte ein wenig verlegen, ein wenig verschmitzt, sprang wieder auf, küßte in der alten Herzlichkeit Lene auf beide Wangen und fragte dann plötzlich: „Nun, Mignonne, was hast du eigentlich mit unserem Freunde Schwarz gehabt?“
Vom Augenblick an, da der Rackower Schlitten einfuhr, hatte Helene geahnt, was da kommen würde; sie wußte ja, daß die Rackowschen in Berlin gewesen waren.
Nun stand sie doch vor der Tante, wie mit Blut übergossen. Aber auch innerlich gefaßt genug, um antworten zu können: „Sei nicht böse, Tante Marie. Ich muß das mit mir allein abmachen.“
„Ja, doch! Ich bin ja gar nicht so neugierig, Kind. Nur — der Arme ist so unglücklich. Du hast sein Herz gebrochen, du grausame kleine Person.“
Da lachte Helene auf: „Sein Herz!“
Es klang sehr bitter, und auf Helenes Gesicht lag wohl ein so schmerzlicher Ernst, daß Marie Hackentin verstummte.
Erst nach einer Weile sagte sie mitleidig: „Pauvre enfant! Ja ... die Männer. Ich ahne ...“
Aber gleich war wieder ein Lächeln in dem kleinen, liebenswürdigen, häßlichen Gamingesicht. „Ah, ihr jungen Mädchen von heute, wie nehmt ihr doch alles gleich tragisch. Eine Episode, Mignonne, eine Episode! Was hätte es denn anders sein können? Heiraten konntet ihr euch doch nicht. Eine Hackentin und unser guter Freund Schwarz!“