In den ersten Wochen nach ihrer Heimkehr war es ihr unmöglich gewesen, zu singen; wurde sie gebeten, so wich sie aus. Unmöglich: denn jeder Ton verwundete ihre Seele.

Dann kamen wohl Tage, an denen sie sich zwang, zwingen konnte, wenn Vater abends bat, wie einst: „Nun Lene, wie ist’s? Das heißt ... wenn du dich disponiert fühlst.“ Sie sang dann eins oder das andere ihrer alten Liedchen. Aber sie war jedesmal mit sich selber unzufrieden, fühlte einen fremden Klang aus ihrem Gesang heraus, etwas Erzwungenes. Und bisweilen meinte Vater selber: „Ich weiß nicht — ich weiß nicht. Hast du wirklich in Berlin Fortschritte gemacht?“ Einmal nahm sie auch der alte Heckstein ins Gebet: „Hör’ mal, Jungfer Lene, warum singst du nie in der Kirche mit? Man ist doch neugierig, und unser guter Flehr — gut ist er nämlich, obwohl der Rittmeister in ihm den Demokraten wittert — unser guter Flehr ist einfach unglücklich.“ Da hatte sie, ohne ihn anzusehen, erwidert: „Ich kann nicht, Onkel Pastor.“ — „Ich kann nicht! Weißt du, Lene, das ist so die bequeme Ausrede von allen denen, die nicht wollen. Hast du deine Stimme verloren? Nein — sonst würdest du’s sagen. Also willst du nicht. Kind, in meiner Art liegt’s nicht, mich um ungelegte Eier zu kümmern. Gelegte sind besser. Ich dränge mich auch in niemandes Vertrauen. Aber das kann ich dir sagen: ein bissel Zwang, den der Mensch sich selber auferlegt, ist etwas sehr Gutes. Der brave Zschokke, von dem freilich unsere Heutigen nicht viel wissen wollen, hat mal in seinen Stunden der Andacht gesagt: ‚Der Mensch vermag unglaublich viel über sich, wenn er ernst will.‘ Das solltest du dir auch hinter deine allerliebsten Öhrchen schreiben.“

‚... wenn er ernst will ...‘

Nein, sie wollte nicht. Noch nicht. Sie ging dem Schmerz aus dem Wege, der jedesmal neu brannte, wenn sie sich zwang.

Aber allmählich erwachte doch der Wille, erwachte und erstarkte. Der innere Drang weckte ihn, die große Lücke in ihrem Leben auszufüllen, die bloße körperliche Arbeit nicht schließen konnte; und dann kam die stolze Sehnsucht: geh nicht ganz unter in der Alltäglichkeit. Du brauchst nicht unterzugehen, denn deine Kunst kann dich über sie erheben.

In der Schreibmappe, oben auf dem kleinen Tischchen am Fenster, lag noch der Brief von Frau Harriers-Wippern.

„Wie bedauere ich, daß Sie den Unterricht aufgeben. Gerade Sie, liebes Fräulein, die zu so Großem prädestiniert schienen. Wie ist das nur möglich?“ Und daneben lag der Brouillon der Antwort, zwanzig Male neu begonnen, immer wieder verworfen: „Zwingende äußerliche Ursachen ... leider unüberwindliche Hindernisse.“ Mein Gott, mein Gott, wie armselig — und wie unwahr!

Wochen und Monate waren vergangen, ehe Wille und Kraft stark genug waren, das neue Ringen aufzunehmen. Ganz langsam waren sie erstarkt, aber plötzlich wurden sie zur Tat. Am ersten Pfingstfeiertage war’s gewesen, daß der alte Flehr verwundert vor seiner Orgel auflauschte: da war sie ja, die vox angelica, süß und schön und stark, die sich in seinen geliebten Chor mischte, ihn trug und über ihm sieghaft emporstieg:

„Schmückt das Fest mit Maien,

Lasset Blumen streuen,