Aber in ihrer Seele war durch das Zwiegespräch nun doch die alte, kaum vernarbte Wunde angerührt worden, daß sie neu schmerzte. Wieder kamen die Erinnerungen, und es kam der Vergleich: in Leid und Weh hatte ihre Liebe sie gerissen, bis dicht an den Abgrund; aber die Seligkeiten, die sie ihr gebracht, die waren unvergeßlich, würden ewig unvergeßlich bleiben. Es waren doch Augenblicke — gelebt im Paradiese. Und daneben stand die Prosa: ein Ehrenmann, hatte Martha gesagt, der seine Frau auf Händen tragen wird. Und wenn der andere — der andere als ein Schuft an dir gehandelt hat: gleichviel — in uns strömte doch die große, die göttliche Leidenschaft. Und wenn der Ehrenmann dir wirklich die Hände unter die Füße breiten würde, dein ganzes Leben hindurch: dies Leben würde dir zur Hölle werden, wenn du die Liebe nicht hättest.

Nein! Nein! Und tausendmal Nein!

Sie wurde noch vorsichtiger Herrn von Holfen gegenüber, wich ihm aus, wo sie nur konnte.

Aber sie fand, daß er sich stets gleichblieb. Er war immer gleich respektvoll, sehr artig — nicht mehr. Martha mußte sich doch wohl getäuscht haben; vielleicht, dachte Helene bisweilen, neigt sie auch ein wenig dazu, Ehen stiften zu wollen.

So schlummerte allmählich ihr Mißtrauen ein.

Darüber war der Sommer vergangen, der Herbst war gekommen.

Und in dieser Zeit, wo der Landwirt etwas mehr Muße hat, lud Holfen die Rohlbecker ein, sich einmal anzuschauen, wie er sich in Grunow eingerichtet hatte. Zum ersten Male. Bisher hatte er immer lachend gebeten, ihn zu entschuldigen: es wäre bei ihm noch die reine Wüstenei.

Es war eine kleine Gesellschaft; die Rackowschen, auch Grucker, dessen ältester Sohn bei den Pasewalker Kürassieren stand, Artenau, der Stickereimajor und Bowlenkünstler, mit seiner semmelblonden Frau und der semmelblonden Tochter. Man kam augenscheinlich, sich über die Junggesellenhäuslichkeit des Neulings im Kreise ein wenig zu amüsieren, und war überrascht, wie hübsch sich Holfen „etabliert“ hatte, um mit Tante Marie zu reden, die das alte Verwalterhaus kaum wiedererkannte und staunend, mit dem langstieligen Lorgnon vor den Augen, von einem Zimmer zum andern ging.

„Aber wirklich, mein lieber Herr von Holfen, Sie haben Wunder geschaffen. Ganz deliziös. Fehlt nur noch, daß Sie eine liebenswürdige Hausfrau in das fertige Nestchen setzen.“

Nur der Garten hatte noch nicht ganz ihren Beifall. Als man draußen unter der großen Linde beim Kaffee saß, zeichnete sie mit der Spitze ihres Sonnenschirms in den Kies einen ganzen Plan, nach dem der Garten freilich fast zu einem Park wurde.