„Meine Hochachtung!“ rief Graf Grucker. „Marie, du bist und bleibst sublim! Verwandle doch gleich das ganze Vorwerkchen in einen Jardin! Die geborene Depensière bist du!“
Tante Marie zog die Achseln hoch: „Was du nicht weißt, mein Lieber! Aber dein Französisch ist mäßig. Falls du mich wirklich als Verschwenderin bezeichnen wolltest, hättest du besser Dissipatrice gesagt. Depensière hat so eine dumme Nebenbedeutung.“
„Meine Hochachtung! Welche denn?“
Während sie das zum Gaudium des kleinen Kreises auseinandersetzte, daß nämlich die Speisemeisterin in den französischen Klöstern Depensière genannt würde, sah ihr Mann sie etwas kummervoll unter seinem Einglas um die Ecke an. Er dachte wahrscheinlich daran, welche Wege sein hübsches Vorwerk gewandelt war. Überhaupt, er war still und in sich gekehrt, Ernst Hackentin. Sogar dem harmlosen Artenau fiel das auf, so daß er den Vetter einmal leise anstieß: „Was hast du denn nur, Dickerchen?“ Er bekam nur eine knurrige Antwort: „Ach, laß mich. Schlechte Zeiten! Schlechte Zeiten!“
Holfen war der liebenswürdigste Wirt. Aber er war wie von einer leisen, ihm sonst ganz fremden Unruhe erfüllt. Vielleicht gerade, weil er zum erstenmal Gäste bei sich sah und ihm die Hausfrau fehlte. Martha machte zwar auf seine Bitte die Honneurs, aber auch sie wußte ja nicht recht Bescheid. So hastete er ein wenig zu viel umher.
Nach Tisch setzten sich die Herren zu ihrem unvermeidlichen Whist. Die Damen blieben im Vorderzimmer. Die alte Gnädige saß, ein wenig träumend, auf dem Sofa. Tante Marie führte fast allein die Unterhaltung. Sie amüsierte sich. Die beiden Semmelblonden aus Stellberg machten immer so furchtbar dumme Gesichter, wenn sie irgendeine ihrer kleinen Pikanterien erzählte; wie auf Kommando sperrten Mutter und Tochter die Mäulchen auf und klappten sie wieder zu. Es war ja aber auch toll. Da sollte eine Duchesse sich ein Kleid von kristallisierter Gaze haben machen lassen, vier Röcke übereinander, das oberste mit acht Volants, und zu dem Ganzen hatte Laferriere, der große Modeschneider, nicht weniger als elfhundert Ellen Zeug gebraucht. Aber alle Pariser Damen waren freilich nicht so verschwenderisch mit dem Stoff. Es gab sogar sehr sparsame. Die Gräfin Castiglione — „Ihr wißt ja, man sagt, daß sie die Nebenbuhlerin der Kaiserin ist“ — die Gräfin Castiglione ist im vorigen Jahr auf einem Ball des Marineministers als Salambo erschienen — „Ihr kennt doch jedenfalls den Roman von Flaubert, der von der schönen Karthagerin handelt —“, als Salambo also und war in einem Kostüm, das nur aus dem wunderbaren Schmuck bestand, den der Kaiser ihr heimlich geschenkt hat.
Die Tür zum Hinterzimmer stand halb offen. Dann und dann dröhnte Gruckers mächtige Stimme: „Himmel, hast du keine Flinte! Meine Hochachtung, Artenau. Karten hat der Mensch — Karten!“ Whist sollte Schweigen heißen. Aber davon hielten die Herren nichts.
Helene langweilte sich. Vor solchen Geschichtchen, wie Tante Marie sie heut liebte, hatte sie einen Abscheu. Sie stahl sich leise fort. Sah auf einen Augenblick ins Herrenzimmer, aber da war ein Zigarrenrauch, den man mit dem Messer hätte durchschneiden können. So trat sie auf die kleine Veranda, die nach dem Garten hinaus neu angebaut war. Ein winziges Ding, gerade vier Personen hätten darauf Platz finden können. Aber die Aussicht war entzückend. Der Garten fiel ziemlich steil ab. Unten lag der Grunower See, von dunklen Fichten umkränzt. Der Mondschein lag darauf, silbrig leuchtete das Wasser.
Sie lehnte an der Brüstung, schaute hinab und dachte: Unsere Mark ist doch schön.
Mit einem Male stand Holfen seitwärts hinter ihr. Hier, wo das Mondlicht nicht hinkam, im Dachschatten, war es fast ganz dunkel. Sie fühlte Holfen mehr als sie ihn sah. Und sie erschrak.