Seine Hand fühlte sie neben der ihren tastend auf dem Geländer. Fühlte, wie sein Auge durch die Dunkelheit sie suchte.

Sie wich seitwärts aus. Ganz schmal machte sie sich, drückte sich gegen die Wand.

„Fräulein Helene ...“

Tief schöpfte sie Atem.

„Herr von Holfen ... bitte ... sprechen Sie nicht weiter ...“ Mühsam, stockend nur brachte sie es heraus. „Ich darf Sie nicht hören ...“

Sie wagte nicht aufzusehen. Dachte nur, jetzt wird er gehen. Und so leid tat er ihr, so unsagbar leid.

Aber er ging nicht. Einen Augenblick schwieg er. Dann hörte sie wieder seine Stimme, bittend, beschwörend: „Weisen Sie mich nicht so ab. Sie kennen mich ja kaum. Vielleicht war das mein Fehler. Ich verstehe mich wenig auf das Werben um ein Mädchenherz. Aber Liebe soll ja doch Gegenliebe wecken. Ich will geduldig sein, will warten, ausharren. Ich hab Sie ja so lieb, Fräulein Helene —“ Und dann, als keine Antwort kam, fragte er heiß: „Ist Ihr Herz nicht frei?“

Es war für sie wie ein Schlag. Denn mit einem Male wußte sie: nein, dein Herz ist nicht frei. Du hast es dir selber nur vorgetäuscht. Du hast vielleicht überwunden, aber nicht vergessen. Mit einem Male standen die Erinnerungen wieder vor ihr, die seligen Erinnerungen, und die qualvoll durchwachten Nächte, die lodernden Sehnsuchten, die sie in die Kissen hineingeweint hatte, Glück und Leid, all das Himmelhochjauchzende, all das zu Tode Betrübte.

Nein, ihr Herz war noch nicht frei. Überwunden mochte es haben, vergessen konnte es nicht.

Sie kämpfte mit Tränen. Und mit tränenerstickter Stimme bat sie: „Bitte ... lassen Sie mich ...“