Da trat er zurück. Es war ja auch eine Antwort.

Ganz schmal machte sie sich, glitt am Geländer entlang, zur Tür dann, trat in den Salon. Wie das helle Kerzenlicht den Augen weh tat nach der Dunkelheit draußen —

Tante Marie war noch immer in Paris. Sie erzählte gerade von einer Soiree bei der Fürstin Pauline Metternich, der österreichischen Botschafterin, und daß da Hortense Schneider — „Ihr wißt, die die ‚Schöne Helena‘ kreiert hat“ — anwesend gewesen wäre, und Madame Térésa von Alcazar d’Eté hätte ihre famosen Gassenhauer gesungen: „Rien n’est sacré pour un sapeur!“ Die beiden semmelblonden Artenaus sperrten die Mäulchen auf. Mutter nickte ein wenig in ihrer Sofaecke und sagte nur einmal aus ihrem Halbtraum heraus: „Ja ... die Pauline Metternich, das ist eine geborene Sandor ... eine Ungarin.“ Dann polterte Onkel Grucker herein: „Meine Hochachtung! Der Rittmeister hat uns heut aber ordentlich belehrt. ’n Daler acht Groschen! I ... und da ist ja unser Leneken ... Mädel ... ’n Schmatz! Aber ’n ordentlichen, nich so’n vulgären Onkel-Nichten-Kuß, bei dem man nicht weiß, wie und warum!“

Und dann fuhr man hinaus in die dunkle Nacht.

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In den nächsten Wochen ließ sich Holfen nicht in Rohlbeck sehen. Die Rackower erzählten, er wäre in Berlin. „Das heißt,“ meinte Vater, „der Mann kann sich schon mal ’ne Erholung leisten. Was der den Sommer über auf seiner Klitsche geleistet hat, geht auf keine Kuhhaut.“ Martha sah bisweilen, wenn von ihm die Rede war, ein wenig vorwurfsvoll zu Helene hinüber. Aber sie fragte nicht.

Erst als der Schnee schon lag, sah Helene Holfen wieder. Er kam nun wieder nach Rohlbeck, nicht so häufig vielleicht wie früher, aber scheinbar ganz der alte. Immer liebenswürdig, bei allen beliebt; hatte seine kleinen wirtschaftlichen Anfragen bei Martha, nahm, wenn er einmal zum Abend blieb, den Jungens eine Partie Mühle nach der andern ab. Helene und er begegneten sich, als wäre nichts zwischen ihnen vorgefallen. Und sie war ihm dankbar, daß er ihr das ermöglichte.

Sie hatte an jener Abendstunde auf der kleinen Veranda doch schwer gelitten. Nicht nur um Holfens willen, so leid er ihr tat. Sie mußte von neuem einsargen, was damals lebendig geworden, auferstanden war.

Wieder waren ihr Arbeit und Kunst getreue Helferinnen. Zumal ihre Kunst. Harro mußte ihr Noten über Noten senden: Mendelssohn, Schumann, Schubert. Ein paar Opernpartien studierte sie: aus dem „Waffenschmied“, aus dem „Feldlager in Schlesien“. Dann wagte sie sich, zögernd, an die Elsa. Aber da dachte sie sehnsüchtig an ihre Lehrerin zurück, fühlte das Fehlen der verständnisvollen Anleitung, des ermunternden Zuspruchs. Richard Wagner stand noch vor ihr wie ein Koloß. Etwas Erbarmungsloses, fand sie bisweilen, lag in seinen Ansprüchen. Einmal war sie in ihren Nöten zum alten Flehr geflüchtet. Doch der schüttelte nur das graue Haupt, ließ die Hand verlegen um die ewigen Stoppeln auf seinem Kinn gleiten und sagte schmerzlich: „Da kann ich nicht mit, gnädiges Fräulein.“ Beugte sich, immer die lange Pfeife im Munde, mit seinen kurzsichtigen Augen tief auf die Noten, versuchte auf seinem Klimperkasten ein paar Sätze — ging dann plötzlich zu seinem geliebten Mozart über, schlug die blauen Augen auf, daß sie ordentlich leuchteten: „Das ist doch noch Musik!“

... man mußte sich schon selber helfen ...