„O nein! Nein doch, gnädiges Fräulein. Das sagt man wohl so, das ist aber nicht wahr. Man empfindet wohl nach, aber man empfindet nicht ganz. Es gibt Differenzen. Man kann Mozart überall verstehen und kann Auber überall verstehen. Aber Wagner nicht. Oder doch nicht gleich. Gerade weil er so ganz deutsch ist.“
„Aber Wagner hat doch auch in Paris viele Bewunderer.“
„Wenige, glaub ich. Man wollte ihn in Mode bringen, aber es ist nicht geglückt, trotz der Fürstin Metternich. Sie sollten nur sehen, wie sich die Karikatur über ihn lustig macht. Gavarni und Cham und Noël. Wie man spottet ...“
„Das ist sehr häßlich.“
„Sans doute. Aber der Pariser liebt das so. Und das ’indert nicht, daß Wagner sich vielleicht doch Bahn machen wird, langsam, langsam —“
Da waren sie wieder am Ende der Promenade angelangt, und Wilhelm unterbrach ihr Gespräch. Er hatte einen freien Tisch unter einer der Hallen erspäht und behauptete, einen unendlichen Durst zu haben.
Man kam sehr spät nach Hause. Weit nach Mitternacht. Aber Helene lag noch lange, ohne Schlaf finden zu können. Eigentlich klang immer nur das eine Wort, das Merivaux gesprochen, in ihr nach, das Wort von dem Dilettanten und dem „Mann des Berufs“ — dem Künstler, hätte er sagen sollen. Ja, dem Künstler! Die Gestalt Alfreds stieg wieder auf, aber es war nur noch ein Schatten. Nur daß sie daran dachte: merkwürdig, daß er in all den Stunden, die wir zusammen waren, fast nie ernst über seine, über unsere Kunst gesprochen hat. Immer glitt er darüber hin, berührte höchstens das Persönliche, soweit es ihn und vielleicht noch mich anging ... nie gab er mehr ...
Es war ja auch nichts Tiefgründiges, was sie mit Merivaux gesprochen hatte. Gewiß nicht. Aber es war ihr so überraschend gekommen, weil sie den Neuchateller so ganz anders eingeschätzt hatte, lediglich als den lustigen, flotten Leutnant. Wie man sich doch im Menschen irren kann, dachte sie. Und dachte auch flüchtig an Holfen. Auch bei ihm hatte sie Interessen gefunden, die sie nicht erwartete. Aber es war doch wieder ein Unterschied dabei: Holfen war gewiß ein gescheiter, liebenswürdiger Mann, aber er hatte kein Temperament. Und bei Merivaux verriet sich das überall und immer. Merkwürdig, auch in Äußerlichkeiten. Er war anders als die meisten. Wie eigen er ihr beim Abschied die Hand gedrückt hatte, so gar nicht konventionell. Sehr frei und frank, und doch sehr ehrerbietig.
Am nächsten Morgen dachte sie nicht mehr an ihn. —
Eine Woche später begannen für die Jungens die Großen Ferien, und es ging nach Rohlbeck; nur Wilhelm blieb, mit einem lachenden und einem weinenden Auge, zurück.