„Aber wo werd ich denn, Wilke. So, hier setzen Sie sich, alter Freund und Bogenschütze, und heben Sie erst einen Kleinen. Alles der Reihe nach.“

Helene hatte das wunderliche Gespräch, etwas neugierig, etwas ängstlich, aus dem halbdunklen kühlen Korridor mit angehört. Dann war sie zu Tante Marie geflitzt, die in einem hellblauen Batistkleide, das über und über mit weißen Spitzen besäumt war, im Gartensalon auf der Chaiselongue lag und in dem neuen Roman von Fanny Lewald blätterte; hatte Grüße von den Eltern gebracht, war auf ihrem Stübchen, diesmal der „Bärenhöhle“, gewesen, hatte sich ein wenig eingerichtet. Als sie wieder herunterkam und auf die Veranda hinauslugte, saß da immer noch Onkel Ernst, und ihm gegenüber saß Herr Wilke; zwischen ihnen standen die Reste eines stattlichen Frühstücks und einige dickbäuchige Flaschen. Onkel Ernsts Vollmond glänzte eitel Wonne, und Wilkes Nase glänzte in dem alten Unteroffiziersgesicht wie Purpur.

„Ja, ja, mein lieber alter Wilke, man hat seine Not“, klang Onkel Ernsts sanfte, einschmeichelnde Stimme. „Aber man muß sich die Laune nicht verderben lassen. Erst noch ein Schlückchen Burgunder. Das ist 1848er Romané, mein Bester, so was kriegen Sie nicht alle Tage. He?“

„Hab ich mein Leblang noch nicht getrunken, Herr Baron. Nullum vinum nisit franciscum. Aber man soll des Guten nicht zu viel tun. Der Dienst, gnädigster Herr Baron —“ Er knöpfte an seinem Rock und zerrte eine dicke Brieftasche heraus. „Sechstausend vierhundert —“

„Legen Sie’s nur dahin, Wilke. Alles der Reihe nach. Erst noch ein Gläschen. Prosit! — Ach, da bist du ja, Leneken. Komm, setz dich ein bissel zu uns. Wilke, Sie kennen doch das Rohlbecker gnädige Fräulein?“

„Wo werd ich denn nich?“ Herr Wilke erhob sich etwas schwer und umständlich, schwenkte ein weniges mit dem langen Oberkörper. „Ich war schon mal beim gnädigen Herrn in Rohlbeck, als das gnädige Fräulein noch in die Windeln lagen, mit Respektus zu melden.“

„Ja, Ihr segensreiches Wirken, mein lieber Wilke, geht durch Generationen. Wir wissen es. Immer im Dienst voran. Immer die Pflicht über alles. Der Mensch braucht Stärkung, um für Dienst und Pflicht die rechte Kraft zu finden. Prost, mein lieber alter Wilke.“

„Danke, Herr Baron, danke untertänigst. Ein wunderbares Weinchen, das der Herr Baron im Kellerchen haben. Ist ja auch berühmt, der Rackower Keller. Aber nu müssen wir doch wohl —“

„Nachher, lieber Wilke. Alles zu seiner Zeit. Erst das Vergnügen und dann die Pflicht. Ja, alter Wilke, wie lange kennen wir uns eigentlich? Aber so trinken Sie doch. Das ist ja geradezu beleidigend, Sie so sitzen zu sehen, so trocken.“

„Na, gnädigster Herr Baron, das wird woll sohner Jahre zwanzig her sein. Vor dem Einzug von der gnädigsten Frau. Damals liefen immer die Wechsel von Hartwich Stern aus Frankfurt!“