„Sieh mal einer an, was Sie für ein Gedächtnis haben. Den wackeren Geschäftsfreund deckt nun auch schon die kühle Erde. Aber wir beide wollen auf sein Gedächtnis mal gleich ein stilles Glas trinken.“
Helene Hackentin saß an der Querseite des Tisches und wußte nicht recht, ob sie sich schämen oder ob sie lachen sollte. Doch wohl lieber lachen. Um etwas Wichtiges konnte es sich ja nicht handeln. Onkel Ernst lachte ja auch sein ganz leises, fast unhörbares Lachen, bei dem sich die beiden Mundwinkel so seltsam nach unten zogen. Dann und wann sah er unter seinem Einglas, das wie angemauert vor dem Auge lag, „um die Ecke“ und nickte Lene zu.
Sicher: das Ganze war ein Witz. Sonst wäre Tante Marie ja auch nicht so ruhig gewesen. Sie hatte vorhin sogar zu Höhne gesagt: „Sorgt nur dafür, daß der alte Wilke sein ordentliches Maß bekommt.“
Und jetzt gab Onkel Ernst dem Höhne ein geheimnisvolles Zeichen. Der stellte neue Gläser und eine Flasche Champagner auf den Tisch. Worauf Herr Wilke die Hände spreizte: „Apage Satanum! Nee, Herr Baron, das geht wirklich nicht. Über allem der Dienst. Sechstausend vierhundert —“
„Legen Sie’s nur dahin, Wilke. Alles der Reihe nach. Erst werden wir mal dieser Pulle nähertreten. Leneken, du trinkst auch ein Schlückchen mit.“ Der Korken fuhr gegen das Verandadach. „Veuve Cliquot, braver Wilke. Die edelste aller Witwen soll leben! Na, Witwe? Da haben Sie’s anders gemacht — was? Seit wann sind Sie denn Witwer?“
„Seit acht Jahren, Herrn Baron zu dienen.“
„Also, das nächste stille Glas der teuren Verewigten. Schlimm, was? — So als einsamer Witmann.“
„Es geht, Herr Baron, es geht. Man muß sich trösten.“
„Da haben Sie ganz recht, guter Wilke. Und ein stattlicher Mann wie Sie findet schon Trost. Darauf müssen Sie mal trinken.“
Es wurde allmählich Helene zu bunt. Sie schlich sich fort, ging hinunter zu den Beeten am See, wo Tante Marie vom Mai bis in den Herbst hinein Erdbeeren zur Reife zu bringen wußte. Es gab da heut etwas Besonderes zu sehen. Quer über die Senke hinweg steckten Arbeiter mit langen Stangen eine schnurgerade Linie ab; drüben am Hang stand eine kleine Gruppe Männer um ein dreibeiniges Gestell, das ein Etwas, fast wie ein Fernrohr, trug. „Unse Isenbahn!“ erklärte der alte Gärtner mit Stolz.