Unsere Eisenbahn: Wilhelms Eisenbahn! In zwei Jahren mochte sich hier ein hoher Damm über das Tal spannen, und die Lokomotive schnob pustend und fauchend darüber hin, hinter ihr drein polterte und ratterte der Zug, und eine endlose graue Rauchwolke zog sich bis drüben zum Waldsaum hin.

„Da wer’n se noch ihre liebe Not mit han“, meinte Marhenke, der Gärtner. „Des is allens Sumpf, man bloß ’n bißken Sand druf. Wenn sie hier Boden ruff karrn, schlingt der Sumpf allens runter. Das geiht so nich, wie se sich dat denken. Dat weeß ich beter.“

Helene lächelte. Sie wußte es erst recht besser: der Ingenieur fand schon Abhilfe. Und wenn der Sumpf wirklich den einen Damm fraß, dann türmte man den zweiten auf ihn; und wenn der unersättliche Grund auch den verschlang, legte die Technik den dritten von Hang zu Hang oder warf eine Eisenbrücke über die Senke. Die Eisenbahn war der Fortschritt, und der Fortschritt ließ sich nicht aufhalten.

Langsam schlenderte sie zwischen den schmalen Beeten des Gemüsegartens hin. Ihr kam Bruder Fritz, der rote Kreisrichter, in den Sinn. Da hatte sie ja eben dessen Schlagwort nachgebetet: Der Fortschritt läßt sich nicht aufhalten. Du lieber Gott, war das nicht am Ende auch nur ein Wort? Solch ein Wort, das nur den Weg in ödes Land wies, wenn man es verallgemeinerte. Ein an sich gutes Wort, das zur Phrase geworden war in einem unfruchtbaren Kampf.

Der Bruder tat ihr leid, und Vater erst recht. Zwischen beiden hatte das eine Wort Zwietracht gesät. Da half kein Brückenschlagen. Der große Sumpf, Politik geheißen, verschlang jeden Versuch der Verständigung. Als Martha, die immer versöhnen wollte, gestern von Fritzens Besuch in Berlin erzählte, hatte Vater bloß gesagt: „Laßt mich mit dem roten Kreisrichter zufrieden. Das heißt, die Stunde wird ja wohl noch kommen, wo er sein Unrecht einsieht.“

Die Sonne stand hoch am Himmel. Es mußte fast Mittag sein. Nun hatte wohl auch endlich der lange Wilke das Feld geräumt.

Aber als Helene wieder vor der Veranda stand, saß der gestrenge Beamte, der Schrecken dreier Städtchen und von zehn Dörfern, immer noch auf seinem Stuhl. Saß freilich ganz in sich zusammengesunken, mit vornüber geneigtem roten Kopf, aber immer noch die Hand am Glase.

„Prosit, Wilkechen!“ sagte Onkel Ernst gerade. „Nun noch ein Schlückchen auf die Konstitution. Ich meine natürlich Ihre vortreffliche Konstitution!“

„Jawoll ... Herr Baron ... die Konstitution ...“ Es war nur noch ein Lallen. „Sechstausend vierhundert ...“

„Legen Sie’s nur dahin, Wilke“, meinte Onkel Ernst. „So, Leneken, nun könntest du eigentlich mal zum Großknecht laufen, der Ochsenwagen soll kommen.“ Dabei sah er prüfend unter dem Einglas um die Ecke, diesmal auf Herrn Exekutor Wilke, und lächelte zufrieden. Der hatte jetzt die Augen geschlossen und schnarchte wie das Vollgatter einer Schneidemühle, wenn die Sägen solch recht dicken Knorren im Stamm anfassen.