Dann kam der Leiterwagen, mit zwei Ochsen bespannt. Der Amtmann Schmidhals schritt höchstselbst daneben her und half den Schlafenden aufladen. Wie ein Toter lag er da. Onkel Ernst legte ihm die Mütze und das dicke Taschenbuch auf den Bauch und faltete ihm die Hände darüber, schob ihm auch noch den Kopf recht bequem auf dem Strohbündel zurecht.
„So —“ meinte er dann. „Christian, du fährst hübsch langsam nach Stellberg und ladst Wilken vor seinem Hause ab. Und sagst dem ältesten Jungen, der Vater sollte morgen zu Ephraim Herz gehen, der brächte alles in Ordnung. Pascholl, Christian!“
Und da war plötzlich auch Tante Marie, besah sich von der Veranda aus durch ihr Lorgnon das Schauspiel und lachte über das ganze kleine Gamingesicht. „Eigentlich scheußlich“ sagte sie dabei, „... un ivrogne! Fi donc!“ Und lachte wieder.
Die Ochsen zogen an. Schwer rüttelte der Leiterwagen. Das Vollgatter rasselte dazwischen.
Onkel Ernst kam langsam die Treppe hinauf, legte zärtlich seinen dicken Arm um die dünne Taille seiner Frau, die neben ihm wie ein winziges, zierliches Püppchen aussah, und meinte: „Können wir nicht bald essen, Mariechen? Das hat mir Hunger gemacht. Und einen Durst habe ich — einen Durst! Komm, Leneken ... wir wollen uns ein kleines Erdbeerböwlchen brauen ...“
Am liebsten wäre Helene Hackentin schon am nächsten Tage nach Rohlbeck zurückgefahren. Sie konnte einen leisen Ekel nicht überwinden. Das elegante Rackow übte auch nicht mehr den früheren Reiz auf sie aus. Jetzt, plötzlich, empfand sie, wie schal und inhaltlos doch das Leben hier war, wie ganz auf das Äußere gestellt, ein Leben völlig in den Tag hinein. Und zum erstenmal hatte sie einen Blick hinter die Kulissen getan: der Glanz hier war auch nur Schein, mühsam genug vielleicht aufrechterhalten.
Ganz wunderliche Gedanken kamen ihr, ganz revolutionäre Gedanken. Da waren die Rackower: jetzt wußte sie, schwer verschuldet waren sie, hatten ihren Reichtum vergeudet. Da saßen die Eltern in Rohlbeck: die hatten immer sparsam gelebt und doch so schlecht gewirtschaftet, daß sie nun arm waren wie die Kirchenmäuse, wenn man’s klipp und klar heraussagen wollte. Nicht viel anders stand es wohl, mit Ausnahme vielleicht von Onkel Grucker, der auf seinem schönen Majorat saß, mit den anderen Verwandten und Nachbaren im Kreise.
Hatte da Bruder Wilhelm nicht recht, wenn er hinausgegangen war von der Klitsche in die Großstadt, um sich neue Erwerbsmöglichkeiten zu erschließen?! Aber freilich: er hatte das Hackentinsche Blut mit hinübergenommen. Auch er verstand das Zusammenhalten nicht. Das Geld zerrann ihm unter den Händen. Gerade jetzt wieder. Eigentlich trieb er’s mit seinem Gewinn aus der Bahnkonzession auch nicht viel anders, wie es die Eltern getrieben hatten, als ihnen die letzte große Erbschaft ins Haus gebracht worden war und sie die Geldtönnchen unters Bett gestellt und aus ihnen geschöpft hatten, bis das letzte Goldstück fort war.
Das Hackentinsche Blut! Vielleicht, gewiß war’s nicht nur das Hackentinsche. Ganz ähnlich, ganz gleich mochte das Blut in den Adern der anderen Verwandten und Nachbaren rollen. Wer wirtschaftete denn hier im Kreise wirklich erfolgreich? Die einen verschwendeten, die andern darbten fast und kamen doch auf keinen grünen Zweig, zehrten auch nur vom Ererbten und mehrten es nicht.
Einer machte vielleicht eine Ausnahme: Holfen. Aber der gehörte eben schon einer neuen Generation an.