Lag bei dieser neuen Generation wohl die Zukunft?
Helene mußte an die Jungens denken, an Wilhelms Söhne, Hans und Thedi. Und dabei wieder an Martha. Vielleicht schlug in ihnen Marthas Blut durch. Vielleicht erbten sie von ihr die Gabe des Festhaltens, den gesunden, aufs Praktische gerichteten Sinn.
Eigentlich waren ihr die Jungens fremd geblieben. Wie einem wohl oft das Nächste am fremdsten bleibt. Als unartige Bengels, die oft lästig wurden, hatte sie sie meist empfunden. Nun grübelte sie ihnen nach. Der Älteste hatte doch viel von der Mutter, einen nachdenklichen Sinn; ein Bücherwurm war er. Thedi war äußerlich ganz hackentinsch, war auch Vaters Liebling. Glänzend begabt, hieß es; es flog ihm alles zu, was der Hans mühsam erobern mußte. Aber er hielt nichts recht fest. Um ihn konnte man Sorge haben.
Eine ordentliche Sehnsucht nach den Jungens überkam Helene, fast als wäre sie seit Wochen von ihnen getrennt. Auch das zog sie wieder nach Rohlbeck zurück.
Aber aus Rackow kam man nicht so leicht fort. Onkel Ernst und Tante Marie waren von einer Güte und Liebenswürdigkeit, der man gar nicht widerstehen konnte. Mochten sie sonst sein wie sie wollten: sie übten geradezu einen Zauber aus in ihrer grenzenlosen Gastlichkeit.
Jetzt war auch das Haus wieder voll. Die kleine, mollig runde Grete Waldegg wohnte im „Alpenröschen“; Vetter Mollard, der gerade von Florenz zurückgekommen war, wo er zwei Jahre lang Attaché gespielt hatte, war in der „Bleikammer“ einquartiert, und Merivaux, der sich plötzlich angesagt hatte, war gestern abend in den „Pfau“ eingezogen. In der „Nachtigall“ aber hauste Bernhard Rose, ein mittelloser junger Student, der nun schon zum zweiten Male ein paar Sommermonate in Rackow zubringen durfte, um sich ein wenig herauszufüttern. Helene kannte ihn bereits. Im vorigen Sommer war er mit hohlen, blassen Wangen gekommen und wesentlich erholt abgereist. Das war auch etwas, was immer wieder mit Tante Marie versöhnte: ihre Gutherzigkeit war so grenzenlos wie ihre Gastlichkeit — beide freilich gaben sich oft nach Laune und fragten nicht viel nach wie und warum.
Das junge Volk war sehr fidel, und Onkel Ernst und Tante Marie taten mit. Immer stand etwas Neues auf dem Tagesprogramm. Einmal fuhr die ganze Gesellschaft nach dem Walde hinaus, in die Haselberge, auf zwei mächtigen Leiterwagen, um draußen herumzutollen; ein andermal gab’s eine festliche Krocketpartie, in der die Sieger mit Rosenkränzen belohnt wurden; im Dorfwirtshaus wurde ein Preiskegeln veranstaltet, oder es ging nach Nugow, um den alten Grafen Delkowitz, Edlen von Kastricz, in seiner grauen Johanniterburg zu überfallen, seine Segelboote mit Beschlag zu belegen und ein paar Schläge über den großen Nugower See zu machen.
An den Abenden wurde oft musiziert.
Der kleine, blasse Student war ein ganz tüchtiger Klavierspieler, der sogar vor schwereren Aufgaben nicht zurückzuschrecken brauchte. Aribert Mollard klimperte schlecht und recht die Gitarre, und die rundliche, mollige Grete Waldegg sang dazu mit offenbarem Wohlgefallen, mehr schlecht als recht, irgendwelche Liedchen. Merivaux hatte sein Instrument mitgebracht.
Helene war begierig, ihn zu hören. Geradeso begierig, wie sie überrascht gewesen war, als er ihr davon erzählte, daß er Violine spiele.