Nun: er war kein Meister. Sie hörte es sofort heraus. Aber er war auch kein Stümper, und sein Spiel hatte eine angenehme persönliche Note. Es war so frisch, so natürlich und so anspruchslos, wie sein ganzes Wesen. Sie konnte nicht anders: sie mußte ihm nach seinem Vortrag ein paar freundliche Worte sagen.

Er legte gerade sein Instrument in den Kasten zurück, sah auf, lächelte, fast ein wenig trübe: „Der gute Wille ist das beste an meinem Spiel, glaub ich ...“ und setzte dann rasch hinzu: „Aber ich bin sehr glücklich, wenn es Ihnen wenigstens nicht mißfiel!“

Da wurde Helene gerufen. Fast immer mußte sie ja zum Schluß singen. Onkel Ernst steckte jedesmal eine komisch-feierliche Miene auf, wenn er sie dazu aufforderte: er zwang seinen ungeheuerlichen Körper zu einigen tänzelnden Schritten, machte ihr eine großartige Verbeugung, sprach in seinem weichsten Tonfall von der Gnade, die die erhabene Künstlerin seiner niederen Hütte antue —, und stellte ein fürstliches Honorar in Aussicht. Unter tausend Louisdor tat er es nicht.

Als sie zum erstenmal im roten Damastsalon an den Flügel getreten war, kam ein leises Beben über sie. Die Erinnerung wurde wach an jenen Abend, da sie hier, hier vor Schwarz gesungen hatte. Aber eine kleine Willensanspannung genügte, und sie war darüber hinweg. Und war froh, daß es nicht schwerer gewesen.

Heut sang sie den Schubertschen „Erlkönig“.

Während sie sang, freute sie sich nur des verständnisvollen Begleiters, des kleinen Studenten. Aber auch das und alles andere, das Äußerliche, versank wie immer vor ihrer Seele.

Sie versetzte, versenkte sich ganz in die Dichtung. In die Märchenstimmung. Sie fühlte mit dem Vater, der mit seinem Kinde durch Nacht und Wind reitet; sie empfand die angstvollen Fragen des Kleinen mit. Sie kämpfte mit dem Reiter gegen das Phantom, sie erlebte mit ihm die wilde, rasende Flucht und daß sie umsonst blieb gegen die Naturwelt. Und ihr selbst war’s wunderbar, wie sie nun gelernt hatte, all das im Gesang auszudrücken. Frage und Antwort von Kind und Vater, die Lockungen des Erlkönigs, den ganzen Stimmungsgehalt des Liedes.

Sie dachte, während sie sang, an nichts als an ihre Kunst. Am wenigsten dachte sie an Merivaux.

Aber als sie geendet hatte und sich umsah, sah sie zuerst ihn. Der Zufall wollte, daß er genau an der Stelle stand, wo an jenem Abend Schwarz gestanden: hinter all den fröhlichen Beifallsspendern, allein, an der Tür. Er klatschte auch nicht, wie die anderen. Still stand er, mit leichtgesenktem Kopf. Er kam auch nachher nicht zu ihr, um ihr irgendeine Liebenswürdigkeit zu sagen, ein Wort der Anerkennung.

Ein wenig verdroß es sie doch. Sie wußte ja, daß sie gut gesungen hatte. Gar so schweigsam, gar so zurückhaltend brauchte er auch nicht zu sein.