Recht zur Besinnung darüber kam sie nicht. Denn Onkel Ernst schlug, nachdem „sich der Beifall ausgetost“, wie er meinte, noch einen Mondscheinspaziergang vor. „Und am Brockenhäuschen soll unsere Primadonna assoluta ihr fürstliches Douceur erhalten.“

Es war herrlich im Park. Der Mond stand hoch am sternhellen Horizont, die Taxushecken, die Baumgruppen warfen lange Schatten auf die bekiesten Wege. Auf den heißen Julitag war die abendliche Abkühlung gefolgt. Ganz im Westen, auf Rohlbeck zu, wetterleuchtete es.

Das junge Volk tollte um das Rackowsche Ehepaar herum, das Arm in Arm, im langsamsten Tempo, den leichten Hang zum Brockenhäuschen hinaufging. Es war ein ewiges leises Kichern, Plaudern, Raunen, Flüstern.

Oben, unter dem Brockenhäuschen, stand Höhne, ein Tablett in der Hand, auf dem ein geheimnisvolles Etwas unter der Serviette lag. Auf dem Tisch neben ihm stand eine Bowle in Eis. Ein paar Windlichter leuchteten. Und Onkel Ernst hielt eine kleine Rede, an deren Schluß er das geheimnisvolle Etwas gleich einem Denkmal enthüllte: „Unserer Primadonna, unserer Rohlbecker Helene!“

Es war eine Torte. Eine große Torte mit Marzipanguß, der einen Kranz von lauter Goldfüchsen darstellte: „Das Süße der Süßesten“, verkündete Onkel Ernst und füllte die Gläser. „Aber nun gleich anschneiden! Vorwärts, Höhne! Die ersten beiden Stücke müssen zwei um die Wette essen: Grete und Aribert! Keinen Widerspruch. Hier, Grete, hier stellst du dich hin, dort, Mollard, du ... und nun soll Lene zählen: eins, zwei, drei!“

Da standen sie nun wirklich, wie zwei gehorsame Kinder, hatten jedes ihr Tellerchen in der Hand mit einem Stück Torte darauf, und Helene zählte: eins — zwei — drei —

Aber sie hatten kaum zum erstenmal hineingebissen, so gab es ein ungeheures Spucken, Prusten und Husten. Die mollige Grete ließ den Teller zur Erde fallen, Mollard schluckte verzweifelt und rollte die Augen wie ein Erstickender. Onkel Ernst und Tante Marie wollten sich totlachen.

Die Torte, dies Meisterwerk von Monsieur Bombourdon, war aus Sägespänen gebacken. Aus richtigen holzigen, kienigen, märkischen Sägespänen, die sich wie Harz an die Zähne der unglücklichen Opferlämmer festsetzten, die wie Leimbrocken an Lippen und Zunge klebten. Bis Höhne jedem als Erlösungstrank einen Becher Bowle brachte.

Es war wieder einer jener Momente, in denen Helene nicht recht mitkonnte. Sie sah und hörte, wie alle lachten und kicherten, bald Grete und Aribert am meisten. Aber sie stand ein wenig abseits, ein wenig verlegen. Und plötzlich bemerkte sie, daß auch Merivaux sich abgesondert hatte. Der Neuchateller schien gleich ihr für diesen märkischen Junkerscherz kein rechtes Verständnis zu haben.

Die Bowle war schnell geleert, und wieder unter Plaudern und Lachen ging es durch die Mondscheinnacht dem Schlosse zu. Höhne hatte die Gitarre holen müssen, Mollard sang sinnig-minnig: „Guter Mond — du goldne Zwiebel —“ und die mollige Grete machte schwärmerische Augen.