„Da, Herr Doktor —“ Das war auch derselbe Ton und dieselbe Bewegung an jedem Abend, ein widerwilliger Ton und ein verächtliches Schnippsen der Finger, die dem Hauslehrer seine Zeitung hinüberschnellten. Die Volkszeitung! Jeden Abend aufs neue empörte sich der alte Herr darüber, daß in seinem Hause dies verfl— Demokratenblatt gehalten werden durfte.
„Da, liebe Martha ... von Wilhelm ...“
Ein paar Briefe, die schon äußerlich einen geschäftlichen Charakter zeigten, den blauen Firmenstempel etwa von Moses Conitzer in Stellberg, schob er zur Seite. Dann endlich setzte er sich und faltete fast feierlich die Kreuzzeitung auseinander. Und regelmäßig sagte dabei Mutter aus ihrem hochlehnigen Ohrenstuhl heraus: „Hackentin, mir die Familiennachrichten.“
Eigentlich gab er nur sehr ungern ein Stück Zeitung ab, ehe er sie selber, langsam und gewissenhaft, von Anfang bis zu Ende studiert hatte. Wenn sie keine Beilage brachte, knurrte er wohl auch ein langgezogenes ‚Neee ... nachher ...‘ oder er lachte: ‚Erfährst schon noch früh genug, wer wieder mal in die Mariage geraten ist oder wer’n Kind gekriegt hat.‘ Heut gab es eine Beilage: „Da ... Elisabeth ...“
Und dann wurde es still im Bannkreis der Lampe, an der Runde des großen Tisches.
Der Rittmeister und Hemming entfalteten ihre Zeitungen; Martha las, Zeile für Zeile, den Brief ihres Mannes; die alte Gnädige vertiefte sich in die Familiennachrichten; die beiden Jungens wußten, daß sie das Maul und die streitbaren Hände stille zu halten hatten, holten ihre Lieblingsschmöker, Hans einen Band der Beckerschen Weltgeschichte, Thede sein „Gumal und Lina“, und steckten die Nasen hinein.
Ganz stille war’s, bis auf das Knistern des Papiers.
Der Stuhl zwischen Martha und Mutter blieb leer — Helenens Stuhl. Sie stickte sonst um diese Stunde oder häkelte Frivolitäten. Heut mochte sie’s nicht. Auf leisen Sohlen schlich sie ins dunkle Nebenzimmer, setzte sich an den geöffneten Flügel und träumte vor sich hin.
Manchmal glitt ihre Linke über die Klaviatur, ohne daß sie eine Taste niederdrückte ... manchmal zitterte wohl auch ein ganz leiser Klang aus den Saiten, ein Hauch nur.
Von links her kam dann und wann ein gedämpftes Tellerklirren. Auguste deckte im Saal den Abendtisch. Und mitten in ihre Träumerei hinein dachte Helene: ‚Was es wohl geben wird? Speckbratkartoffeln natürlich und saure Milch ...‘