„Habt ihr die Posttasche?“ fragte Hemming. „Nun denn — marsch! Großvater wartet.“ Und er ging den Jungens, die um ihr Leben gern sich den Koffer des Fremden noch näher angesehen hätten, voraus, um Helene einzuholen. Aber sie hatte sich beeilt, und er wollte nicht auffällig hasten. So kam er erst dicht vor dem herrschaftlichen Tor wieder an ihre Seite, und im gleichen Augenblick überholte sie auch die Rackower Equipage. Der „Russe“ saß weit zurückgelehnt, in etwas theatralischer Pose, die Beine vorgestreckt, im Fond und lüftete noch einmal mit einer gewissen Grandezza seinen Heckerhut.
Der Doktor grüßte zurück, während Helene den Nacken straffte. Sie sagte sogar: „Warum grüßen Sie denn?“
„Aber ... der Herr ist doch Gast der Rackower Herrschaften. Ich kann doch nicht unhöflich sein.“
„Ich weiß nicht, wie der Mann dazu kommt, mich zu grüßen. Er ist mir doch nicht vorgestellt.“
Sie fühlte selbst, daß sie ungerecht und unlogisch war. Man nahm es sonst auf dem Lande nicht so genau. Es war aber etwas wie das Gefühl in ihr: du mußt dich wehren! Ohne daß sie recht wußte, weshalb und wogegen. Sie war jäh aus dem Gleichgewicht geworfen. Am liebsten hätte sie sich mit Herrn Hemming gezankt, nur um eine Ablenkung zu finden. Sie spitzte schon das Mäulchen, um ihm irgendeine Sottise zu sagen. Doch dann besann sie sich: es lohnte nicht. Es blieb immer einseitig, das Streiten mit diesem weichen Menschen, diesem Ja- und Amensager, dieser Qualle, die auswich, sobald man fest zugriff.
So faßte sie lieber die Jungens, die herangekommen waren, an den Achseln, Hans rechts, Thede links, und jagte mit ihnen den Weg entlang, daß die Posttasche am langen Lederriemen sich wie eine Sturmfahne um ihre Köpfe schwang. Jagte die Verandatreppe hinauf, durch den dunklen Flur in die große Stube, warf die Tasche auf den Tisch: „Da habt ihr sie —“
Mutter saß noch immer an ihrem Traumfenster, schrak aber auf: „Kind, Helene, wie kann man so laut sein. So laut und so wild.“ Vater stand am Ofen, kramte in der Tasche nach dem Brillenfutteral: „Steck’ die Lampe an, Lene.“
Wie alle Abend, wenn die Dämmerung heranschlich. Und wie alle Abend stand nun schon die große, hohe Moderateurlampe mitten auf dem Tisch, auf dem runden, abgeschabten Fleck der braunen Plüschdecke. Wie alle Abend pumpte Helene das Öl auf, horchte auf das leise „Gluck-Gluck-Gluck“, nahm Glocke und Zylinder ab, strich mit ihren hastenden Händen ein Vierteldutzend Schwefelhölzer vergeblich auf dem scharfgeritzten Deckel des Porzellanbehälters an, bis endlich eins zündete.
Mit einem Male war plötzlich in ihr alle Aufregung erloschen. Gluck-Gluck-Gluck machte das Öl in der Lampe, und ihr klang’s wie: alle Abend — alle Abend — alle Abend ...
Nun leuchtete die Lampe auf, warf ihren milden Lichtkreis gerade über den runden Tisch, indes das übrige Zimmer in der Dämmerung blieb. Vater holte vom Schreibtisch den kleinen Schlüssel, schloß die Posttasche auf, wie alle Abend. Und wie alle Abend sammelte sich um den Tisch für das große Ereignis das ganze Haus. Mutter kam von ihrem Traumplatz, Martha kam; der Hauslehrer war plötzlich da, und die Jungens boxten und knufften sich schweigend am Ofen. Wie alle Abend. Vater faßte tief in die Tasche hinein, legte den kleinen Pack Briefe und Zeitungen sorgsam vor sich hin, setzte umständlich die Brille auf und begann zu sortieren.