O Eisenbahn, was bist du kommen,
Hast unser Posthorn uns genommen!“
„Ich denke, Sie wollen ein Mann des Fortschritts sein, Herr Doktor?“ warf Helene schnippisch ein.
„Am rechten Ort, gnädiges Fräulein. Immer am rechten Ort. Aber die Poesie darf darüber nicht verkümmern. Hören Sie doch nur: ‚Ach Reitersmann, ach Reitersmann, laß doch die Lilien stehn. Sie soll ja mein fein’s Liebchen noch einmal sehn ...‘ Ist das nicht schön? ... ‚Dann begraben mich die Leute ums Morgen ... rot ...‘“
„Schade nur, Herr Doktor, daß der Postillion so schauderhaft falsch bläst —“ meinte sie spitz und ärgerte sich, daß sie es sagte. Denn eigentlich hatte der Postillion gar nicht falsch geblasen, und sie selber lauschte solchem Volkslied über alle Welt gern. Und sie dachte daran, wie sie bisweilen in dem stillen Abendfrieden ins Feld hinausgewandert war, ganz allein, sich auf einen Grenzstein gesetzt hatte, den Kopf in beide Hände vergraben, um dem Klang des Posthorns zu lauschen, der ihr immer wie ein Gruß aus weiter, weiter Welt erschien.
Doch da hielt schon die Hauptpost dicht an der Brücke.
Die beiden Junker stürmten mit Geheul voran; teils, um die lederne Posttasche aufzufangen, die der Schwager im kunstvollen Bogen vom hohen Bock herabschleuderte; teils, um den erwarteten „Moskowiter“ mit eigenen Augen zu schauen.
Recht enttäuscht waren sie. Denn der Herr, der ausstieg, hatte gar nichts Besonderes an sich. In ihren Augen zumal.
Es war ein schlanker, junger Mann in grauem Reiseanzug, der lange Rock eng in der Taille, die Pantalons sehr weit. Das brünette Gesicht bildhübsch, etwas scharf und ganz glatt rasiert. Auf dem braunen Haar trug er einen gewaltigen Kalabreser, und um seinen hohen Kragen war kunstvoll eine bunte Krawatte geschlungen, in der ein großer Brillant funkelte.
Als er ausgestiegen war und die kleine Gruppe — Helene, Doktor Hemming und die beiden Junker — sah, stutzte er und zog den Hut. Aber Helene fühlte, wie ihr das Blut ins Gesicht schoß, ärgerte sich wieder und machte kehrt. So mochte der Fremde merken, daß die junge Dame ihn nicht erwartete. Und da kam auch schon Jochen, meldete sich, wies auf seinen Wagen und half den Koffer aus dem hinteren Verschlag der Post herausheben. Es mußte sehr schnell gehen, denn der Kutscher der ersten Beichaise drängte und drohte weiterzufahren.