„Wie ich da stand heut abend im Salon, und Sie sangen so wunderschön, da mußt ich denken an einen anderen Abend. Sie ’aben damals gesungen nicht ’alb so vollendet, aber ich hab schon gespürt die Seele in Ihrem Gesang. Vielleicht, weil ich Sie liebte. Damals schon. Aber da war der andere. Und ich fühlte ganz deutlich, daß Ihre Gedanken nur bei ihm waren. All Ihre Gedanken. Und ich muß Sie fragen. Um die Gnade Gottes: Sie liebten ihn?“
Daß sie hätte fliehen können! Weit weg — weit weg! Aber da stand er vor ihr, mit seinem zuckenden Gesicht und den großen ehrlichen Augen, in denen es feucht schimmerte, hatte die Hände erhoben —
Sie neigte nur leise den Kopf.
Er blickte starr auf sie hin. Fragend, forschend, flehend. Mit zusammengepreßten Lippen. Auf eines Atemzugs Länge.
„Und nun? Nun ist das vorbei?“ stieß er hervor.
„Ja — ganz vorbei —“ Es war nur ein Hauch. Aber es zwang sie, es zwang sie: sie mußte aufsehen, mußte ihn ansehen.
Und wie sie ihn ansah, im hellen Mondlicht in sein Gesicht sah, da wußte sie mit einem Male: es sind Harros Augen, die dir entgegenleuchteten, Harros ehrliche, offene Augen, die dir sagen: ‚Ich liebe dich!‘
Es war ein jähes Erstaunen in ihr, daß sie die Ähnlichkeit nie vorher bemerkt hatte, ein jähes Erschrecken: wie Merivaux wäre Harro geworden, wenn der Schnitter Tod ihn nicht hinweggerafft hätte — wie Harro mußte Merivaux gewesen sein, als er ein Kind, ein Jüngling war.
Gleich einem Traumbild war’s, das plötzlich vor ihrer Seele emporstieg, das in ihrem Herzen noch einmal eine Saite aufklingen ließ, die sie für immer zersprungen wähnte.
Sie standen und sahen sich in die Augen.