Daß es in Rackow kriselte, hatte sie schon im Sommer erkannt. Einmal erzählte Wilhelm, Ernst sei nur mit vieler List an der Schuldhaft vorbeigekommen. Nun erfuhr man, daß die Gläubiger das Sequester eingeleitet hatten. Dann kam Onkel Ernst nach Berlin. Aber wenn Helene gemeint hätte, daß er niedergeschlagen sein müsse, so hatte sie sich getäuscht. „Ja, ja, meine liebe Martha,“ meinte er mit seinem leisen behaglichen Lachen, „wir wären also glücklich pleite. Klingt sehr häßlich, nicht wahr? Ist aber gar nicht so schlimm. Ein paar Jahre, und wir sind wieder obenauf. Außerdem aber — wozu hat man seine hübschen kleinen Konnexionen — außerdem hab ich für die Karenzzeit ein Pöstchen als Kurdirektor in Ems erobert. Man kann auch so leben, meine Lieben.“ Dabei sah er unter seinem Einglas um die Ecke auf Tante Marie hin. Deren kleines Gamingesichtchen war freilich ein wenig spitzer geworden, aber sie trug den Nacken noch steifer als sonst. „Enfin, ich freue mich auf Ems. In der Saison haben wir da die Creme der ganzen europäischen Gesellschaft. Lauer hat gesagt, Majestät müßten im Sommer unbedingt hin. Mignonne, ich lade dich ein, wir wollen ein bissel Staat mit dir machen. Aber dann bist du wohl schon ein glückliches kleines Frauchen, und Merivaux wird sich nicht von dir trennen wollen.“
Als sie gegangen waren, lachte Wilhelm hinter ihnen her: „Ernst ist wie eine Katze, er fällt schließlich immer wieder auf die Füße. Vielleicht haben wir Hackentins alle etwas von der glücklichen Eigenschaft. Manchmal denk ich, unser Leichtsinn ist wie ein Schwimmgürtel, der in der Gefahr die besten Dienste tut ... Martha, ich bitt’ dich, mach’ nicht solch mechantes Gesicht. Und du, Lene ... na, du siehst ja jetzt oft aus wie eine betrübte Lohgerberswitwe, der alle Felle fortgeschwommen sind ... komisches Mädel ... nur daß dir auch das gut steht!“
Ja, es mußte ihr wohl gut stehen, daß ihr Gesicht so viel schmaler, daß sein Ausdruck so viel ernster geworden war.
Sie war nicht eitel, aber sie war doch ein junges Mädchen und ging dem Spiegel nicht aus dem Wege. Und wenn er es ihr nicht gesagt hätte, würden es ihr die Männeraugen verraten haben, die ihr überall folgten, bis zur Peinlichkeit.
Einmal sagte sie zu Merivaux: „Ich hab heute nacht geträumt, daß ich die Pocken bekommen hätte. Furchtbar häßlich war ich geworden, und als du kamst, hast du dich mit Abscheu von mir gewendet.“
„Aber, Helene, wie kann man nur solch törichtes Zeug träumen?“
„Es ist gar nicht so töricht. Im Gegenteil, es beschäftigt mich sehr. Nimm einmal an, der Traum wäre Wahrheit, ich wäre plötzlich sehr häßlich geworden. Dann würde deine Liebe zu mir sehr schnell zerstieben. Das ist mir ganz sicher. Gib’s nur ehrlich zu — ich nehme es dir nicht übel.“
Sie sah ihm scharf in die Augen, wartete ungeduldig. Denn das wußte sie, er sprach immer die Wahrheit.
Da wurde er ernst. „Es tut mir weh, daß du so klein von mir denkst.“
„Ich denke gar nicht klein von dir. Es wäre ja nur natürlich, wenn du mich dann nicht mehr liebtest.“