Wenn er litt, ohne zu klagen, so litt sie nicht minder, und auch sie hatte niemand, dem sie ihr Herz ausschütten konnte. Ganz genau wußte sie: es würde sie niemand verstehen.

Es gab Tage, in denen eine wehrlose, wohltuende Müdigkeit über ihr lag. Dann war sie sanft, nachgiebig auch zu ihm; duldete seine Zärtlichkeit, hatte sogar eine leise Freude, einen stillen Genuß manchmal an einem guten Gespräch mit ihm; hörte ihn spielen, ging vielleicht selbst an den Flügel, sang irgendein schwermütiges Lied. Aber gerade der Moment war meist der Gipfelpunkt. Wenn sie ihn dann hinter sich stehend wußte, seinen Atem fühlte, seine Hand sah, wie sie sich nach dem Notenblatt ausstreckte, um es zu wenden, kam der Rückschlag. Sie brach jäh ab, sprang auf — und es kamen Augenblicke, in denen es ihr eine boshafte Freude war, ihm wehe zu tun. Eine Freude, die sie tiefste Qualen und schmerzhafteste Scham kostete.

Das waren die Augenblicke, in denen sie darauf wartete: jetzt muß er doch gehen, um nie wiederzukommen. Und doch erschauerte: wenn er aber nie wiederkäme? Das waren dieselben Augenblicke, in denen sie vom wehsten Mitleid erfüllt war für ihn und in denen sie sich selber ganz als Schuldige fühlte. Frau Harriers war wenig zufrieden mit ihrer Schülerin in diesem Winter.

Wilhelm kümmerte sich fast gar nicht um das Brautpaar; Martha sah schließlich doch nur die Oberfläche, dachte höchstens, sagte es vielleicht: „Du bist eine recht unausstehliche Braut.“ Mutter führte ihr Traumleben weiter, verschmolz sich Gegenwart und Vergangenheit, verwechselte Merivaux gelegentlich mit einem ihrer Söhne und legte neuerdings Rouge auf. Wohl Berlin zu Ehren. Wobei es vorkam, daß nur die eine Wange rosig leuchtete, die andere vergaß sie.

Ganz verlassen und vereinsamt fühlte sich Helene oft. Grenzenlos unnütz dabei. Den Haushalt in der Stadtwohnung hielt Martha allein wie am Schnürchen. So war sie zur Untätigkeit verurteilt, spürte auch so wenig Neigung, sich wirtschaftlich zu betätigen. Und selbst ihre Kunst dünkte sie oft ein Zwang.

Nur mit den Jungens beschäftigte sie sich mehr als früher.

Den äußeren Anlaß gab, daß Hans ein paar Male mit einem französischen exercice hilfesuchend zu ihr kam: „Hilf, Tante Helene. Du hast ja einen Bräutigam, der solch halber Gallier ist.“ Da sie in der Tat fertig Französisch sprach und schrieb, konnte sie helfen. Und sie half so gern — es war ihr eine wahre Wohltat, irgend jemand helfen zu können. Bald kam auch Thede mit dem einen oder dem anderen Anliegen. Richtiger: wenn der Ältere bat, forderte der Jüngere. Aber er tat’s mit einer so drollig unverschämten Miene, daß man ihm nicht böse sein konnte.

Manchmal war es ihr, als lernte sie die beiden Neffen erst jetzt recht kennen. Und auch dann hatte sie wieder ihre stille Freude. Hans war nun fast sechzehn Jahre, ein langaufgeschossener, ein wenig ungelenker Jüngling, der seine junge Sekundanerwürde mit einigem Selbstbewußtsein trug; ein Bücherwurm und Grundtoffel, fleißig und hübsch besinnlich. Thede war viel lebhafter, renommierte gern einmal ein wenig, lernte spielend, was der Ältere sich mühsamer erobern mußte. Bisweilen malte Helene sich im stillen den Lebenslauf der beiden aus, horchte sie wohl auch daraufhin aus. Hans wollte Architekt werden oder Techniker, Eisenbahningenieur, Maschinenkonstrukteur; Thede schwärmte für den bunten Rock, den ja alle Hackentins getragen hatten. Aber er hatte auch seine besonderen Gedanken dabei: die junge preußische Flotte reizte ihn, Kapitän Jachmann von der „Arcona“, der den Dänen bei Jasmund so wacker die Zähne gezeigt, war sein Held und Vorbild.

Das war sicher: die Jungens gingen einmal andere Wege, als die Hackentins bisher, Generation auf Generation, gegangen waren. In ihnen war noch genug von dem feurigen guten Blut des alten Geschlechts, aber das Blut der Mutter hatte sich eingemischt, drang kräftig durch; mehr noch bei dem Älteren, aber doch auch bei Thede. Sie fanden sich gewiß einmal gut mit dem Leben ab und in ihm zurecht. Wurden vielleicht endlich einmal wieder Mehrer, nicht Verzehrer.

Helene dachte oft: die Hackentins können es brauchen! Gerade in diesem Winter kam ihr das recht klar zum Bewußtsein.