Daß er nur besser in das Herz getroffen hätte ...
Daß dies herbe spröde Herz sich gar nicht regen wollte ...
Überall, wo Helene hinkam, hörte sie Merivaux rühmen, hörte sie sein Lob. In den verschiedensten Schattierungen. Wilhelms liebten ihn schon jetzt wie einen Bruder; er hatte Tante Mariannens so schwer zu erringendes Wohlgefallen gewonnen; die Frauen der verheirateten Kameraden hatten sie ein wenig geneckt, daß sie den charmantesten aller Junggesellen im Bataillon in Amors Fesseln geschlagen; der Kommandeur hatte Wilhelm gegenüber Merivaux einen der begabtesten Offiziere genannt und einen unübertrefflichen Kameraden.
Manchmal hatte sie gedacht, sich zum schwachen Troste: ja doch ... er ist ein liebenswürdiger Charmeur! Nun hörte und erkannte sie selber alle Tage mehr, daß das doch nur die Außenseite seines Wesens war. Daß die glänzende Hülle auch einen schönen edlen Kern barg. Daß er gut, vornehm denkend, daran hatte sie nie gezweifelt. Jetzt aber wußte sie, daß er auch ein grundgescheiter, ein vielseitig gebildeter Mann war. Und vor allem sah und fühlte sie immer tiefer, wie innig und heiß er sie liebte.
Immer wieder sagte sie sich: man muß ihn gern haben ... ich müßte ihn liebhaben ...
Nur: ihr Herz wußte nichts von ihm.
Es kamen Augenblicke, Stunden, in denen es in ihr schrie: wenn er dich doch einmal recht schlecht behandeln wollte! Wenn er dich doch einmal fühlen lassen wollte, wie kalt und schlecht du gegen ihn bist! Vielleicht verlangt die Hackentinsche Brut die Peitsche, anstatt des Zuckerbrots!
Aber er blieb immer der Geduldige, Nachsichtige, Rücksichtvolle; dankbar für die geringste Freundlichkeit, für das kleinste Entgegenkommen, für ein gutes Wort, für ein Lächeln.
Dabei fühlte sie hinter all der Geduld und Nachsicht sein heißes Blut, sein starkes Temperament, sein Begehren, fühlte, wie er sich zwang und wie er litt. Sie fühlte es, sie sah es. Es war ihr eine eigene Qual, wenn er manchmal, auf kurze Momente, die Lider sinken ließ, verstummte. Nur um sie gleich wieder mit hellen, guten Augen anzusehen, wie ein Bittender. Wie einer, der da weiß: ich werde um sie werben, nimmer müde, bis sie mein ist.
Und dann empörte sie wieder diese Zuversicht, dies Vertrauen und Selbstvertrauen. Empörte sie gleich einem Zwang: als ob er ihren Willen beugen, sie knechten wollte in alle Zukunft hinein. Scharf wurde sie dann und bitter. Bis sie sich doch wieder sagte, es ist ja nur seine große, große Liebe, die auf Gegenliebe hofft und wartet.