Er deutete zum Fenster hinaus: „Hier wohnte einst mein Landsmann Merveilleux. Kennst du seine Geschichte mit dem Droschkenkutscher? Also wir Schützen sind doch nun mal lebenslustige Leutchen. Zwei von uns, Merveilleux und Pfuel, waren es ganz besonders. Abend für Abend tollten sie in Berlin herum, und oft graute der Morgen, ehe sie daran dachten, in unser Quartier, hier weit draußen, an der Köpenicker Landstraße, zurückzukehren. So waren sie der Schrecken der biederen Droschkenkutscher geworden. Die fürchteten die Fahrt nach der Kaserne wie das höllische Feuer. Geht eines Abends Pfuel allein aus. Es wird wieder peinlich spät oder früh, ist außerdem ein schreckliches Wetter — gressillement, wie wir’s nennen. Mein Pfuel will also fahren, erwischt auch eine voiture. Kaum aber sieht ihn der Droschkenkutscher — sie kannten ihn alle — so haut er auf sein Pferd ein und ruft nur noch: ‚Adieu, Pfuel, ... grüßen Sie Murmeljahn!‘ Fort war er. Und jetzt sind wir bei unserer Kommandeuse —“

Seine ernsten Worte — sein frohes Lachen tönten in ihr nach. Sie fühlte sich frischer und freier. ‚Man muß ihn gern haben‘, dachte sie. ‚Ich müßte ihn liebhaben.‘ Und sie dachte weiter: ‚Vielleicht — vielleicht werde ich ihn liebhaben.‘

In dieser Stimmung ging sie auch endlich zu Frau Harriers-Wippern. Nicht zuletzt auch auf seinen Wunsch. Er hatte schon so oft gebeten, daß sie den Unterricht wieder aufnehmen sollte.

Die Lehrerin kam ihr mit ausgestreckten Händen entgegen. „Ich hab ja schon gratuliert, aber ich möchte meinen Glückwunsch gern noch einmal mündlich und recht innig wiederholen. Ich habe mich so sehr gefreut, liebes Fräulein Helene! Nicht zuletzt, weil unser Merivaux der Glückliche ist.“

‚Unser Merivaux‘ ... es klang Helene Hackentin ganz eigen.

Sie saßen wieder beieinander in dem kleinen Gartenzimmer der Sängerin, und Helene hörte, doch mit einiger Verwunderung, wie beliebt und geschätzt ihr Bräutigam in den engeren musikalischen Kreisen war. „Es ist merkwürdig, wie viele Offiziere gerade in Berlin wirklich verständnisvolle Musikfreunde sind. Aber unser Merivaux steht da in erster Reihe. Ich meine natürlich nicht als ausübender Künstler — darauf kommt es ja auch gar nicht an. Aber er hat die rechte Liebe, hat Verständnis, hat Urteil ... und hat seine besondere, so unendlich liebenswürdige Gabe, das alles zum Ausdruck zu bringen.“ Frau Harriers hielt immer noch Helenes Hand und drückte sie herzlich: „Mein erster Gedanke, als ich die Anzeige las, war ein Gedanke der Freude: sie beide passen so trefflich zueinander. Eine kleine Spur Selbstsucht war auch dabei, daß ich’s nur gestehe: so geht Helenens Kunst doch nicht verloren!“

Helene war wortkarg, war in tiefem Sinnen. Sie hatte in den letzten drei Monaten so wenig an ihren Gesang gedacht. Manchmal, wenn Merivaux bat, wenn er sie zum Flügel führen wollte, hatte sie abgewehrt — wie sie immer abwehrte. Ein-, zweimal hatte er seine Geige mitgebracht: sie hatte auch ihn nicht gebeten, zu musizieren. Nun fühlte sie auch hier ein Unrecht. Und empfand seinen Zartsinn, der nie ungeduldig wurde, nie drängte, nie einen Vorwurf hatte, als besondere Güte.

„Ich hoffe, Fräulein Helene, Sie bringen mir ihn bald. Vielleicht musizieren wir dann einmal zusammen. Wie aber steht’s mit uns beiden? Sie nehmen doch die Stunden wieder auf?“ Frau Harriers schrak ein wenig zusammen, sie bemerkte wohl erst jetzt, daß die Braut ganz in Schwarz gekleidet war. „Ja so, Sie armes Kind! Aber ich meine, Musik, gute edle Musik eint sich auch mit der tiefsten Trauer. Sie trägt uns ja himmelan, über alles Irdische hinweg.“

„Die ‚Elsa‘ möchte ich jetzt ruhen lassen ...“ sagte Helene gepreßt. „Ich kann nicht ...“

„Das verstehe ich. Lassen Sie mich nur sorgen. Wir halten unsere alte Zeiteinteilung fest — nicht wahr? Und grüßen Sie mir Ihren lieben Gardeschützen, der so gut in Ihr Herz zu treffen wußte.“