NEUFELD & HENIUS / VERLAG / BERLIN

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Copyright 1910 by Egon Fleischel & Co., Berlin

Gedruckt bei A. Heine, G. m. b. H., Gräfenhainichen

Erstes Kapitel

Die Rackowschen waren soeben fortgefahren. Im großen Zimmer räumte Helene mit dem Stubenmädchen den Kaffeetisch ab. Ihr feines Näschen schnoberte, wie’s der Vater nannte, dem leisen, süßen Duft von Waffeln und Pariser Parfüm nach, der noch im Raum lag. Immer hinterließ Tante Marie diesen Veilchengeruch mit dem Moschusakzent, und immer rief er in Helenens erregbarer Phantasie unklare Vorstellungen wach von unerhörtem Luxus, von rauschenden Seidenkleidern, kostbaren indischen Schals, koketten Kapotthütchen, von funkelnden Brillanten und Perlenreihen, die sich um tiefentblößte weiße Nacken schmeichelten. Ganz merkwürdig: immer war dann auch das Bild der schönen Kaiserin Eugenie da, von der die Rackowschen vorhin wieder erzählt hatten. Tante Marie von ihrer Anmut und Eleganz, von den Kleidern, die sie auf der Brunnenpromenade in Ems getragen, und wie groß der Umfang ihrer Krinoline gewesen wäre; Onkel Ernst mit zugespitzten dicken Lippen von ihrer Schönheit, ihrem üppigen rotblonden Haar, ihrem blendenden Teint. Und daß und wie der General Fleury immer um sie gewesen wäre. Da hatten die Herren gelacht, aber Tante Marie und Martha hatten verstohlene Blicke gewechselt.

Die Tassen klirrten leise unter ihren Händen. Sie fühlte, wie ihr das Blut in die Wangen stieg.

Der Rittmeister schritt schweigend auf dem hausgewirkten Läufer entlang, der in der Diagonale des großen Zimmers lag, von der Korridortür bis zur Tür der Vorratskammer. Straff aufrecht ging er, die Hände auf dem Rücken, den Kopf mit dem weißen, ein wenig gelockten Haar etwas vorgebeugt, seine gewohnten zwölf Schrittchen hin, zwölf Schrittchen zurück. Jedesmal, wenn er kehrt machte, sah er zärtlich zu seinem Spätling hinüber. Aber seine Gedanken waren nicht um Helene beschäftigt. Auch sie gingen nach Paris. Immer, wenn der Name Paris fiel, dachte er an seine große Zeit zurück, an die Tage, an denen er sich das Kreuz von Eisen gewonnen hatte, an seinen geliebten Marschall Vorwärts und an den anderen Napoleon, den er heut noch haßte wie Anno 13. Ebenso haßte, wie er den Neffen verachtete, ihn und das ganze Getriebe um ihn her. Ein ehrlicher und kritikloser Haß war’s, und eine ehrliche und kritiklose Verachtung, ganz im altpreußischen Zuschnitt.

An dem letzten der drei Fenster saß Mutter. Mutter — Omama genannt, seit die Kinder von Bruder Wilhelm im Hause waren und heranwuchsen. Selbst Helene vergaß sich manchmal und sagte Omama zu ihrer Mutter. Vor dem birkenen Nähtisch saß sie und träumte mit ihren großen blauen Augen ins Freie, in die grünen Fliederbüsche des Gartens hinaus. Die Hände im Schoß und die Lippen in leiser, stummer Bewegung. Vielleicht skandierte sie wieder einmal. Schrieb’s wohl auch am Abend heimlich auf und legte es heimlich in das Glaskästchen mit den blauen Bändern, wo ihr Allerheiligstes und Allerheimlichstes war, ihr Reliquienschrein. Der alte Rittmeister nannte ihn spottend den Körnersarg. Denn ganz unten lagen ein paar vertrocknete Veilchen, die der Sänger einst der Omama verehrt hatte. Lang, lang war’s her, und aus der jungen Komteß Grucker war ein verhutzeltes altes Frauchen geworden, aus der gefeierten Schönheit, der reichen Erbin eine kleine, greise märkische Edelfrau. Aber sie konnten’s beide nicht vergessen: Omama nicht die eine Begegnung, die eine Stunde unter der Eiche im Park, und der Rittmeister nicht seine rasende Eifersucht. Trotzdem die schleichende Zeit sonst so vieles ertötet und begraben hatte.

Es war totenstill im großen Zimmer. Nur das Ticken der Kuckucksuhr klang, und bisweilen schnappte Diana, die am Ofen lag, nach einer verspäteten Fliege. Dann blitzte der alte Herr aus seinen scharfen Augen mißbilligend hinüber und machte halblaut: Kusch. Gleich legte der Köter gehorsam den feinen Kopf zwischen die Pfoten. Einen höllischen Respekt hatten die Hunde. Der Rittmeister dressierte sie selber; noch nach der alten Methode, mit Peitsche und Korallenhalsband.