Der Kaffeetisch war längst abgeräumt. Das Mädchen hatte das Damasttuch mit hinausgenommen, Helene breitete die braune Plüschdecke über den Tisch. Wie immer verdroß sie dabei der große runde Fleck, auf dem am Abend die Lampe stand. Sie strich von rechts drüber hin und von links. Es half nichts. Wo nichts ist, hat der Kaiser sein Recht verloren. Abgeschabt und ärmlich. Altmodisch und ärmlich. Wo sie auch hinsah, alles im Zimmer abgeschabt, altmodisch und ärmlich. Die Tapete mit den kleinen Vierecken und den bunten Sträußchen in jedem Quadrat voller Flecken; der Sofateppich mit dem Rosenmuster dünn; die Zimmerdecke grau verblakt; das eckige, steiflehnige Kanapee eingesessen. Und sie dachte wieder an das elegante Rackow und an die elegante Tante Marie, die so häßlich war wie die Nacht und doch alle Welt bezauberte, dachte darüber hinaus wieder an Paris und an die Toiletten der Imperatrice, an funkelnde Diamanten und an Perlenketten, die sich um tiefentblößte weiße Nacken schmeichelten. Und an die Große Oper dachte sie, von der die Rackower erzählt hatten. An die erste Aufführung des „Tannhäuser“, der die im vorigen Jahr in Paris beigewohnt hatten, dachte sie, und was das für eine kuriose Musik gewesen sein sollte, von einem Deutschen namens Wagner, einem Revolutionsmann von 48 — und dann dachte sie an die Desirée Artôt und an die kleine Pauline Lucca, die in Berlin seit dem vorigen Jahr alle Herzen entflammte. Bruder Wilhelm konnte ja nicht genug Wesens von ihr machen.

Helene war an den Ofen getreten. Fast wie im Trotz lehnte sie sich fest an ihn und fühlte dabei, daß ihre Hände fiebrig heiß auf den kalten Kacheln lagen.

Immer noch machte Vater seinen eintönigen Marsch in der Diagonale. Immer noch träumte Mutter zum Fenster hinaus. Immer noch — immer noch. Die Luft war so drückend, und es schien, als senkte sich die graue Zimmerdecke langsam immer tiefer.

„Ich geh’ hinaus auf die Veranda“, sagte sie plötzlich scharf in die Stille hinein. Und wunderte sich, daß sie’s überhaupt sagte.

Der alte Rittmeister unterbrach seinen Marsch nicht, nickte nur, lächelte ihr zu. Mutter sah flüchtig auf. „Nimm mein Tuch um, Lenchen. Es wird schon kalt gegen Abend.“

„Mich friert nicht. Ich geh’ zur Post mit den Jungens. Oder ich geh’ zu Pastors.“

Eigentlich hätte sie sagen mögen: ich geh’ in die weite Welt hinaus. Und wußte doch, daß ihre Welt drüben an der neuen Chaussee, an der schnurgeraden Pappelreihe ihr Ende hatte. Aber vielleicht sah, faßte sie dort wirklich die Post, die von Frankfurt kam ... und hinter Frankfurt lag Berlin ... zwei Stunden nur mit der Eisenbahn, und der wundervolle köstliche Dampfwagen raste von Berlin weiter hinaus in die Weite, in diese köstliche, wundervolle Weite ..

Aber dann, als die schwere eichene Haustür hinter ihr ins Schloß gefallen war, blieb sie doch auf der Veranda stehen.

Denn da saß Martha, hatte eine gewaltige irdene Schüssel im Schoß und schnipselte Bohnen. Fleißig wie immer. Grad daß sie über das bessere Kleid, das sie den Rackowern zu Ehren in der Eile angetan, die große Küchenschürze gebunden hatte.

Als Helene sie so sah, wurde wieder etwas wie Trotz in ihr wach, eine Auflehnung gegen das Bild der Alltäglichkeit. Sie fragte hastig: „Warum quälst du dich selber, Martha? Laß das doch Mamsell machen.“ Und sie wurde rot dabei, denn sie liebte die junge Schwägerin in ihrem heißen Herzen, hegte eine unwillige Bewunderung für sie.