Martha Hackentin sah nur einen Augenblick auf. „Ich kann doch nicht müßig sein. Mamsell hat in der Leuteküche zu tun.“ Da lief Helene zurück an den Schrank im Flur, holte sich ein Küchenmesser, zog sich einen Stuhl heran und griff in die irdene Schüssel. Es ging ihr gut von der Hand, wenn sie irgendeine Arbeit begann, aber sie hatte keinerlei Neigung zur wirtschaftlichen Betätigung und erlahmte schnell.
Auch jetzt lehnte sie sich bald zurück und sah der Schwägerin zu. Sah auf den glatten dunklen Scheitel und die weiße, etwas niedrige Stirn, die tief über das Gefäß gesenkt war. Sah auf die Hände, die, so gut sie gehalten waren, die stark tätige Hausfrau verrieten.
„Sehnst du dich nie nach der Stadt?“ fragte sie plötzlich.
„Wie sollte ich, Helene? Ich bin ja gern in Rohlbeck. Ich bin doch hier zu Hause.“ Martha hatte auf einen Moment die klaren grauen Augen gehoben, hatte ein wenig mit dem Kopf geschüttelt: Helene tat oft gar zu merkwürdige Fragen.
„Nun ... du bist doch aus der Stadt. Du bist doch kein Landkind.“
„Aber ich hab’ hier meine Heimat gefunden. Meine liebe zweite Heimat.“ Sie schwieg einen Augenblick. „Ich hab’ meine Kinder hier und meine Arbeit.“
„Ja. Freilich! Arbeit hast du, von früh bis spät. Die erste im Hause auf und die letzte in den Federn. Man müßte sich eigentlich schämen vor dir. Man müßte —“
„Du Närrin! Mir ist’s noch nie zu viel geworden.“
Eine Weile war’s stille zwischen ihnen. Auch Helene hatte wieder in die Schüssel gegriffen, aber sie zog die Bohnen nur spielend durch ihre feingliedrigen langen Hände. Es war wieder, wie es oft war. Sie hätte der Schwägerin nicht weh tun wollen — um alles in der Welt nicht. Aber sie einmal ein wenig aus dem seelischen Gleichgewicht zu bringen, an ihrem ewig gleichen, schönen Maßhalten zu rütteln: das reizte sie wie eine verbotene Frucht.
„Wilhelm bleibt diesmal fürchterlich lange in Berlin.“