Auf dem Marktplatz waren in zwei Reihen die Buden aufgeschlagen, Zelt- und Bretterwerk. Kleinkram lag darin, Schnittwaren, Hausgerät, allerlei Tand. Von den Stangen wehten die bunten Taschentücher, die der Bauer liebt, mit schönen Bildern darauf: das Königspaar, die Krönung, auch noch die Völkerschlacht bei Leipzig. Dicke wollene, blaue und rote Unterröcke baumelten daneben und weiße Schürzen. In der einen Bude gab’s Peitschen aller Art und Regenschirme, in der nächsten lockten die neuesten Bilderbogen von Gustav Kühn aus Neu-Ruppin. Die schönste Bude aber hatte Tante Hufnagel, die dicke Konditorsfrau. Sie hatte auch den meisten Zulauf. Mit ihren zwei Mamsellen stand sie hinter dem langen Tisch, und sie lächelten alle drei so süß, wie ihre Ware war: Berge von Streuselkuchen und Brezeln, Düten mit Bonbons, vor allem jedoch Stöße von Pfefferkuchen; die „Mehlweißchen“ von Tante Hufnagel waren berühmt bis über Frankfurt hinaus, und auf den Lebkuchenkerzen hatte keine Konkurrenz so schöne Verslein wie sie.
Das große, immer umlagerte Konditorzelt stand gerade gegenüber der Apotheke „Zum Mohren“.
Auch in der Apotheke gab’s heute mächtig viel Arbeit. Die Gelegenheit des Marktes mußte benutzt werden, allerlei Bedarf an Medizin für Mensch und Vieh einzukaufen. Außerdem war der humpelnde Provisor ein halber oder drei Viertel Doktor, nur daß er seine Verordnungen ohne Rezept und umsonst lieferte, sogar mit einem derben Witzlein dazu. Auch gab es in der Apotheke manche schöne Dinge, die nicht zur Heilkunst gehörten, aber in hohem Ansehen standen: allerlei Wohlriechendes, Lederzucker, buntschillernde süße Magenmorsaille mit merkwürdig viel Gewürzen, und vor allem einen Apothekerschnaps, bitter wie Galle, scharf wie Schwefelsäure und wärmend wie ein gutgeheizter Kachelofen — einen herrlichen Apothekerschnaps, der „Doktor“ hieß, aber ein Dutzend Doktoren wert war und doch nur einen Silbergroschen kostete.
Der Provisor Dingeldey hatte an solchen großen Tagen alle Hände voll zu tun. Denn sein Chef, Herr Herr, war durch andere Obliegenheiten vollauf in Anspruch genommen. Höchstens, daß er mal ein eiliges Rezept zusammenbrauen half, was selten genug vorkam, denn an Markttagen verschrieb Doktor Tiburtius wenig oder gar nichts. Da saß der auch an dem großen braunen Tisch im Nebenzimmer der Offizin und trank seinen gezehrten Oberungar, den er für das bekömmlichste Getränk der Welt erklärte. Er trank ihn — und nicht zu knapp. Wie eine ungeheure Koralle stand ihm die Nase im Gesicht, und zweimal im Jahr hatte er das Zipperlein. Das merkten jedesmal seine Patienten im ganzen Kreise am eignen Leibe: denn in diesen schlimmen Perioden verordnete er fast ausschließlich Rizinusöl, abwechselnd mit Kurella. Über Land fahren, zu seinen Kranken, konnte er freilich nicht, wenn er die Füße in den dicksten Strümpfen immer am Ofen halten mußte. So beschränkte er sich darauf, die Mägen auszufegen, wie er es nannte. Und gerade in diesen Zeiten, hieß es, machte er die glänzendsten Kuren. Wenn er dann wieder gesund war, half er mit Grobheit nach. Er konnte furchtbar grob sein, der Doktor Tiburtius. Bei den Bauern hielt er’s für geradezu unentbehrlich; auf den Gutshöfen war er nur wenig höflicher.
Herr Apotheker Herr persönlich widmete sich an den Markttagen fast ausschließlich den Gästen im Nebenzimmer der Offizin. Er wäre sehr entrüstet gewesen, wenn ihm jemand gesagt hätte, er unterhielte da eine Weinstube. Empört wäre er gewesen, wenn jemand geäußert hätte, er bediente seine Gäste. Die Tatsache stand trotzdem fest, daß man im braunen Zimmer Getränke erhielt, die nicht aus der lateinischen Küche stammten. Man mußte freilich zu den Honoratioren zählen, man durfte auch nicht bezahlen. Aber die Eingeweihten wußten, daß jede Flasche unweigerlich einen Taler kostete, nur der Champagner — Grüneberger Landkarte war’s von Foerster & Grempler und trug auf der Etikette einen Plan der gesegneten Gemarkung — nur die Pulle Champagner kostete zwei Taler. Den Obolus legte man beim Abschied schweigend auf den Tabakskasten am Fenster; vergaß es einmal ein Gast, so kam’s auf die Jahresrechnung der Apotheke. Im übrigen wurde Herr Herr durchaus als Herr behandelt. Er saß mitten unter seinen Gästen, wenn er nicht gerade unterwegs war nach dem Keller, und wenn er besonders gut aufgelegt war, so pfiff er ihnen etwas vor. In der ganzen Provinz Brandenburg einschließlich Berlin pfiff anerkanntermaßen niemand so künstlerisch schön als Herr Herr.
Es war noch früh am Tage, gegen elf Uhr, und die Tafelrunde noch klein. Obenan saß der Doktor Tiburtius vor seinem Oberungar. Neben ihm links der Kreisrichter, Fritz von Hackentin und der Herr des Hauses bei einer Flasche Pontac; ihnen gegenüber Major a. D. von Artenau, ein Hüne von Gestalt mit einem riesigen Schnauzbart und buschigen grauen Brauen über den vom ewigen Sticken entzündeten Augen. Er hatte noch um kein Getränk gebeten, wartete vielmehr auf einen Partner für eine „Landkarte“ oder noch lieber für ein kleines Böwlchen; denn abgesehen von seiner grandiosen Stickkunst war er auch der anerkannte Meister im Bowlenbrauen.
Das Gespräch ging langsam. Der Doktor schimpfte auf den Schäfer Knorr in Lobitten, der wieder einmal gegen Gesetz und Kleiderordnung einem alten Weibe das ausgefallene Schultergelenk eingerenkt hätte, und auf die Themis mit den verbundenen Augen, die die allerdummsten und allertollsten Kurpfuschereien dulde, wobei der Kreisrichter einen bitterbösen Seitenblick abbekam.
Fritz Hackentin hörte sich das lächelnd an. Er hielt die schlanke rechte Hand um sein Glas gelegt, drehte es langsam hin und her, hatte sein gewöhnliches ironisches Zwinkern um die klugen grauen Augen und empfand ein kleines Vergnügen darüber, wie der Doktor sich mehr und mehr in die Wut hineinsteigerte. Und erst als der schließlich mit einem „Himmelkreuzdonnerwetter, wozu hat unsereiner denn eigentlich studiert!“ schloß, fragte er trocken: „Ja, hat Meister Knorr denn das Gelenk wirklich wieder in Ordnung gebracht?“
„Was geht denn in drei Deibels Namen mich das an? Ob die olle Gillerten ein Krüppel bleibt oder nicht! Verdient hätte sie’s schon. Was, Herr Herr, hab’ ich recht?“
„Hat der Schäfer Geld für die Kur genommen?“