„Den Geier wird er getan haben. Dazu sind die Kanaille viel zu schlau. Das wird gelegentlich auf andere Weise abgemacht. Heimlich und heimtückisch.“
„Ja, lieber Doktor, wenn der Mann sich nicht hat bezahlen lassen, dann kann die Justiz auch nichts machen.“
„Das ist eben der Skandal. Aber ich faß den Knorr schon noch. Der Kerl muß sitzen! Der Kerl muß ...“
Weiter kam er nicht. Denn Artenau hatte den Hals gereckt, rief dazwischen: „Da kommt der Conte aus Sodelzig ...“ und sie sahen alle auf.
Das Gespann des Grafen Grucker war auch sehenswert. Vor dem Wagen zwei edle Pferde, wie immer naß und mit Schaumflocken übersät, denn der alte Graf fuhr wie ein Toller; das Geschirr arg desolat, hier und dort mit Stricken und Bindfaden geflickt; der Wagen selber aber, die im ganzen Kreise berühmte „Wurst“, bestand aus nicht viel mehr als aus einem langen gepolsterten Brett, das über die Achsen gelegt war. Im Reitsitz saß der Graf darauf, und ganz hinten hockte in einer Art Korb der Kutscher.
Man hörte schon von der Straße aus die dröhnende Stimme: „Meine Hochachtung! Daß du mir die Schinder ordentlich abreibst!“
Dann klang’s aus der Offizin: „Meine Hochachtung! Na, Herr Provisor, erst mal’n Doktor. Aberst gut vermengeliert. So, danke —“
Dann flog die Tür auf, und der untersetzte starke Mann krachte ins Zimmer: „Meine Hochachtung! Da wär’n wer ja. ’n Tag allinsgesamt. Artenau, ich seh’s dir an deiner schönen Nasenspitze an, du hast auf mich gewartet. Also mansch uns man ’n Röhrenwasser. Puh —“ und er setzte sich auf einen Stuhl, daß es krachte, reichte jedem über den Tisch die Rechte hin und drückte die verschiedenen Hände, bis die Besitzer „au“ sagten. Mit der Linken aber krabbelte er aus der Joppentasche ein halbes Dutzend Zigarren heraus, lang, dick und schwarz wie die Nacht, legte sie vor sich auf den Tisch, zündete sich die erste an und meinte, „Kindersch, ich muß euch ’ne Geschichte erzählen.“
„Nämlich, wie ich zum Frühjahrsmarkt hier nach Stellberg fahre, sagt die Gräfin: ‚Otto,‘ sagt sie, ‚du mußt so gut sein und die Mamsell mitnehmen.‘ ‚Wozu denn?‘ frag ich. ‚Sie muß Geschirr für die Leutküche kaufen.‘ Also Mamsell wird auf die Wurst gepackt, hinten auf ’n Kutschersitz, und der Karl muß hinter mir reiten. Man soll ja nun mal den Weibern nichts abschlagen. Alles geht auch ganz gut, bloß daß der Artenau da ’ne recht längliche Bowle gebraut hatte und wir längelicht hier sitzen blieben. Um dreie läßt die Mamsell gehorsamst fragen, ob der Herr Graf nicht bald abführe, und um viere läßt sie wieder fragen. Da kann doch der geduldigste Mensch ein Wüterich werden. Aber ich bin ganz stille, und Abend gegen neune fahren wir wirklich los. Wie der Hausknecht vom ‚König von Preußen‘ am Wagen leuchtet, seh ich die Mamsell mit ’nem großen Korbe auf dem jungfräulichen Schoß und mit großen, dicken Tränen auf den Backen. Pimperlings rennen die runter. Ich kann alles, aber heulen kann ich nicht sehen. Warum heult das Frauenzimmer: bloß weil sie ’n paar Stündeken hat warten müssen. Als ob ich im Leben nicht schon manchmal viel länger hätt warten müssen, wenn par exemple zum Beispiel die Gräfin nicht mit der Toilette fertig wurde. Na also, ich denke: das Heulen mußt du der Mamsell abgewöhnen. Fahr also drauflos, gleich furioso über das Pflaster, und das Frauenzimmer schreit, als ob es am Spieße steckt. Dann das Stück Chaussee und dann ... na, ihr kennt ja den Waldweg über Ebersvorwerk, schön ist er nicht. Und die Mamsell schreit und schreit. Laß sie man schreien, denk ich, sie sitzt ja dahinten wie in Abrahams Schoß. Sie wird schon stille werden. Wird sie auch, so etwa von Doberow an. Mal dreh ich mich um. ‚Mamsellken‘, ruf ich. Keine Antwort. ‚Karl, ist denn Mamsell noch da?‘ ‚Jawohl, Herr Jraf.‘ Na also. Ich fahr also wieder zu, nicht schlecht, die Füchse hatten lange gestanden. Da sind wir denn endlich. Ich steig ab, die Mamsell steigt ab. Nicht ’ne Träne mehr, aber ’n Gesicht, wie siebzehn Tage Regenwetter. Kein Ton. Aber wie ich frag: ‚Na, Mamsellken?‘ da reißt sie ’s Tuch vom Korb und weist so mit der Hand darauf hin, als wie wenn sie sagen möchte: Da hast du die Bescherung! ’s waren nämlich man bloß noch Scherben drin, blaue, braune, graue und weiße, keiner größer wie ’n Dalerstück. Und wie ich lache: ‚Mamsellken, lassen Sie das man nich die Frau Gräfin sehen, daß Sie so schlecht verpackt haben‘, da schmeißt sie mir den ganzen Zauber vor die Beine: ‚Un zu Johanni zieh ick, Herr Jraf!‘“
Er lachte, daß die Wände dröhnten, und alle lachten mit, so ansteckend war dies tiefe Lachen aus voller Brust. Man mußte immer mit ihm lachen, wenn auch seine Geschichten selten eine richtige Pointe hatten. Er lachte selber, bis er nicht mehr konnte. Dann zog er ein rotseidenes Taschentuch, so groß, daß man damit den halben Tisch hätte zudecken können, und wischte sich die Augen aus. „Na, Artenau, du alter Stickereimajor, biste fertig? Laß mal schmecken. Heut wird aber nich so lange gepichelt. Ich wollte eigentlich nur den Rittmeister sprechen. Kommt Vater nicht, Fritze?“