„Erbarme dich, lieber Gott, laß ihn mir!“
An jene Nacht vor der Hochzeit dachte sie zurück, an ihre Kämpfe, an ihre Verzweiflung. Und nun stand das alles vor ihr, als ob sie schlecht gewesen wäre. Undankbar gegen ihn und ungerecht! Gefallsüchtig heut — kalt und herzlos morgen! Gespielt hatte sie mit ihm! Nicht Vertrauen mit Vertrauen vergolten!
„Allmächtiger Gott, erbarm dich, laß ihn mir! Daß ich gut machen kann!“ — — —
Wieder kam der Tag.
Da stürmte plötzlich Hans herauf, jubelte, schwenkte einen Brief in der Hand: „Tante Helene! Tante Helene!“
Das Herz wollte ihr stillstehen. Ein einziger Laut rang sich von ihren Lippen.
Und sie riß den Brief an sich, barg ihn zwischen den Händen, küßte ihn unter heißen Glückstränen.
Der große Junge stand daneben, wischte sich die Augen, wartete eine lange Weile, wehrte sich gegen die eigene Rührung, ließ dann die Tränen kullern, wie sie wollten, räusperte sich. Bis er endlich doch bat: „So lies doch, Tante Helene.“
Da sah sie ihn an mit feuchten Augen, schlang den Arm um ihn, küßte ihn zärtlich —
... und dann las sie.