Wie ein Kind fast, zusammengekauert, saß sie auf dem Sessel, hielt den einen Briefbogen zwischen den Händen, die noch immer bebten, hatte den zweiten auf dem Schoß. Las mit fliegender Hast und überlas dann jede Seite gleich noch einmal. Das Blut kam und ging in dem schönen Gesicht.

Einmal gleich im Anfang sagte sie, hochaufatmend, aber ohne aufzusehen, sehr eilig: „Gesund, Hans —“ Las wieder ein paar der eng mit Bleistift beschriebenen Seiten weiter, blätterte zurück: „Am 3. abends — Herr Gott, wie langsam der Brief ging!“ Sah auf einen kurzen Moment auf, nickte Hans mit glückstrahlenden Augen zu, nahm den zweiten Bogen auf.

„Das muß ich dir aber doch vorlesen, Hans —“

„... wir wollten — so gegen vier Uhr — die jenseits Leipa eroberte Batterie verlassen, da kam der König mit seiner Suite angeritten, Bismarck und Moltke waren auch dabei. Alles brach in lauten Jubel aus, unsere Schützen waren gar nicht mehr zu halten. Wir stürzten auf den König los, wer zunächst war, faßte seine Hand und küßte sie. Stell Dir das vor, ma chérie, noch mitten im Kanonendonner, unter Hurrarufen, das gar nicht enden wollte. Seine Majestät sahen sehr ernst aus, aber so mild, so gütig. Und denk’ Dir, plötzlich erkannte er mich. Er winkte mir zu und grüßte: „Bonjour, Merivaux.“ Da hab ich in den Kanonendonner hinein, recht aus voller Brust, gejubelt: „Vive le roi! Vive le roi!“ Wie ich’s als Kind von meinem Vater gelernt hatte. Da lächelte der König ...“

Weiter las sie, blätterte zurück, las wieder.

Las dann noch einmal halblaut: „Jetzt liegen wir im bivouac. Ich schreib dies schon in der Dämmerung. Gerade klang die Retraite über das Schlachtfeld und der Choral ‚Nun danket alle Gott‘. Wir alle haben mitgesungen.“

Und dann verstummte sie. Das brauchte der Junge doch nicht zu hören, all die Zärtlichkeit, die Liebesworte der letzten Zeilen, all die Sehnsucht, die ihr entgegenklang — — —

Aber sie sprang auf, lief durch die ganze Wohnung. Nun sollten es alle wissen. Von einem lief sie zum andern, küßte Omama, umhalste Martha. Immer wie ein jubelndes Kind und immer mit Glückstränen in den Wimpern.

Am Nachmittag ließ sich Frau Harriers-Wippern melden.

Mit ausgebreiteten Armen kam sie auf Helene zu: „Ich brauch’ ja nicht zu fragen! Das Glück steht Ihnen auf dem Gesicht geschrieben, Frau von Merivaux. Aber gratulieren will ich — recht von Herzen! Sie haben sicher die besten Nachrichten.“ Und sie küßte Helene auf beide Wangen.