Dann wurde sie rot: „Übrigens muß ich gestehen, ich komme eigentlich nicht nur, um zu gratulieren. Ich komme mit einer Bitte ... Was Sie immer für sonderbare Augen machen können, Frau von Merivaux! Ganz andere Augen als andere Menschen. Ja, also, um mit der Tür ins Haus zu fallen: Sie sollen mit mir in einem Konzert singen.“
Helene erschrak. Aber Frau Harriers ließ sie gar nicht zu Worte kommen: „In einem Konzert zum Besten unserer Tapfern, unserer Verwundeten! Da können Sie doch gar nicht nein sagen! ... Aber da stehen in Ihren Augen schon wieder alle möglichen Fragen — immer kann man’s in Ihren Augen lesen, was Sie denken. Warum ich gerade zu Ihnen komme? Erstens weil ich so ziemlich die einzige Sängerin von einigem Renommee bin, die in Berlin geblieben ist, die sogenannten ersten Kräfte also mangeln. Hauptsächlich aber — werden Sie nur ganz nach Belieben rot! — weil ich Sie wenigstens einmal herausbringen möchte. Also aus reiner elender Lehrerinneneitelkeit.“ Sie lachte fröhlich. „Nun?“
„Es ist ... es kommt so plötzlich ...“
„Das Gute kommt meist plötzlich. Übrigens hab ich alles vorbedacht. Wir haben acht Tage Zeit. Ihre Hand, liebe Helene, was zögern Sie? Nicht wahr, Sie wollen?“
Da sagte Helene rasch: „Ja, ich will!“
Nachher gereute es sie ein wenig. Hatte sie nicht zu schnell zugesagt? Ob es Gaston auch recht sein würde? Es war ja für die Verwundeten! Ob sie’s auch gut machen würde?
Aber all die Bedenken gingen unter in dem großen Glücksempfinden, das sie heut erfüllte.
Das Konzert — nun dachte sie kaum noch an das Konzert und an ihre Zusage. Sie saß und schrieb einen langen Brief an Gaston. Ganz anders, als sie bisher an ihn geschrieben. Ohne die Worte zu überlegen, ohne zu wägen. Nur wissen sollte er, wie selig sie war, wissen, wie sie sich nach ihm sehnte, wissen — wissen, daß sie ihn liebte!
Selbst trug sie den Brief zur Post. ‚Nein! Ich trag ihn lieber zum Anhalter Bahnhof — dann kommt er schneller in Gastons Hände.‘ Und sie ging zum ersten Male seit Tagen durch die Straßen, die noch im Siegesschmuck lagen. Immer hatte sie ja zu Haus gesessen — gewartet — gewartet —
Alles sah sie erst jetzt. Die Fahnen und die Girlanden. An der altersgrauen Stadtmauer ging sie entlang und mußte lachen. Da hatten die Berliner Rangen winzig kleine Löcher durch die zermürbten Steine gestoßen, und darum stand: „Hier zieht Benedeck in Berlin ein!!!“ Stand in Kreideschrift im Halbkreis herum mit drei Ausrufungszeichen dahinter.