Plötzlich fiel ihr ein: ‚Tante Oschitz! Jetzt gehst du noch zu Tante Marianne. Die muß doch Nachricht haben.‘ Aller Welt hätte sie zujubeln mögen, wie glücklich sie war.
Und sie ging weiter, über den Potsdamer Platz, durch die Bellevuestraße, am Tiergartensaum entlang. Dachte: da drüben am Goldfischteich hat Gaston zum erstenmal von unserem Hochzeitstag gesprochen. Lachte in sich hinein, wie hilflos sie damals gewesen. Lief wie ein Kind durch den Vorgarten der Stillen Insel, fiel Tante Marianne um den Hals: „Ich hab einen Brief. Mein Gaston ist gesund!“ War glücklich, daß die Greisin sich mit ihr freute. Weinte wie Kinder weinen, als Tante Marianne sie vor das große Bild Harros führte, das sie von Professor Richter hatte malen lassen. „Ach, Harro — unser guter lieber Harro!“ Und hatte, als sie die Stille Insel verlassen, doch nur wieder das eine Glücksgefühl im Herzen und nur den einen Gedanken an Gaston.
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Das Konzert fand in der Singakademie statt. Frau Harriers-Wippern hatte nachträglich noch zwei, trotz der Ferien zufällig in Berlin anwesende Mitglieder des Königlichen Opernhauses gewonnen, den Bassisten Salomon und Fräulein Horina. Für Helene waren drei Nummern reserviert.
Ein wenig befangen war Helene doch.
Als am Morgen die Jungens jubelten: „Tante Helene steht an den Litfaßsäulen! Tante Helene steht in der ‚Kreuzzeitung‘!“ war sie rot wie ein Schulmädchen geworden. Und als sie mit Martha zur Singakademie fuhr, hatte sie eine unheimliche Empfindung im Kehlkopf: ‚Du wirst ja keinen Ton herausbringen können.‘ Auch der Zuspruch von Frau Harriers half nicht viel. Einmal lugte sie in den überfüllten Zuschauerraum: sie sah nur eine Masse Menschen die wie ins Dunkle getaucht schien.
Schon klang die Ouvertüre zu „Struensee“ auf.
Im Konversationszimmer stand der Baumeister Harriers neben Helene, hatte eine halbe Flasche Champagner in der Hand und sagte gutmütig lächelnd: „Ich kenn’ das von meiner Frau. Die hat heut noch manchmal Lampenfieber. Dann hilft nur ein Glas Champagner.“ Sie wehrte wortlos ab — und dann stürzte sie doch ein Glas herunter.
Draußen sang gerade Fräulein Horina ...
Dann hieß es: „Die vierte Nummer! Frau von Merivaux — bitte!“