„Hier, mein lieber Schwarz, hier, bitte ...“ Er nannte die Namen. „Mein verehrter Herr Herr, dürfen wir uns bei Ihnen zu einer Flasche Pontac invitieren? Vielleicht ein wenig temperiert, wenn es Ihnen keine besondere Mühe macht. Wie geht es der verehrten Gräfin, lieber Grucker? Ah ... gut ... freut mich riesig. Danke, Marie ist auch gut zu Wege. Famöses Herbstwetter, nicht wahr? Ich bin sehr froh, daß es unser lieber Gast so gut trifft.“
Der Rackower sprach mit ganz sanftem Tonfall, deutlich akzentuiert, aber leise. Immer, auch bei Nichtigkeiten, als wenn ihm ungeheuer daran läge, zu überzeugen. Grucker nannte seine Art zu reden manchmal den Hofpredigerton. Er sprach auch gern und langatmig, mit ausgesuchter Höflichkeit, in jeder Einzelwendung. Dazwischen mußte seine silberne Schnupftabakdose, mit dem Namenszug in farbigen Steinen auf dem Deckel, die Runde machen, wenn es irgend anging.
Sonst fesselte seine Redegabe meist auch die Widerstrebenden. Er hatte ja immer den Sack voll Neuigkeiten, schon aus den Pariser Zeitungen, die er sich hielt. Aber heut konzentrierte sich das Interesse doch mehr auf seinen Gast als auf ihn. Ein russischer Hofopernsänger? Etwas noch nicht Dagewesenes im Kreise. Erstens schon an sich: ein Sänger. Zweitens: ein Opernsänger. Drittens: ein russischer! Warum den die Rackower eingeladen hatten? Doppelt merkwürdig, weil Marie Hackentin sonst ja immer die Exklusive markierte. Denn auch ein Hofopernsänger blieb doch immerhin ein Komödiant.
Herr Alfred Schwarz saß zwischen den Herren wie ein Mann, der gewohnt ist, das allgemeine Interesse zu erregen. Schweigsam zuerst, aber mit dem Ausdruck artigsten Zuhörens in dem jugendlichen schönen Gesicht. Dann allmählich auftauend, weltgewandt in das allgemeine Gespräch eingreifend, jede Frage mit liebenswürdiger Bereitwilligkeit beantwortend. Er saß in sehr legerer Haltung, die schlanken Beine übereinander geschlagen, so daß auf dem einen Fuß das Streifchen eines seidenen Strumpfes sichtbar wurde, und drehte sich aus dem Etui, das auf seinem Schoß lag, eine Zigarette nach der anderen.
Grucker, der leidenschaftliche Kettenraucher, schnoperte eine ganze Weile nach dem starken süßen Duft, bis er fragte: „Schmeckt denn das Deubelszeug eigentlich?“
„Wollen Sie nicht einmal selbst versuchen, Herr Graf?“ Die flinken, schlanken Hände hatten sofort eine Papyros gedreht. „Bitte, wollen Sie hier anfeuchten ...“
„Lecken soll ich?“ Alle lachten, denn Grucker machte die Sache mit seiner dicken, schweren Zunge möglichst ungeschickt. Die erste Zigarette zerkrümelte, mit der zweiten ging es besser, und dann schmunzelte der Konte: „Weiß Gott, nicht übel, so zwischen durch. Ein famöser Tabak das muß ihm der Neid lassen.“
„Die Großfürstin Maria Constantinowna hatte die Gnade, mir ein paar Pfund zu senden.“
„Sie waren lange in Petersburg?“ fragte Fritz Hackentin über den Tisch herüber.
„Vier Saisons. Ich kam ein Jahr nach der Beendigung des Krimkrieges an die Newa.“