Und wie Helene ihn so sah, umbraust von Jubel, der sich immer und immer erneute, der nicht enden wollte und nicht enden konnte, da tauchte noch einmal ein seltsames Erinnerungsbild vor ihrer Seele auf.
Vor vier Jahren hatte sie ihn zum ersten Male gesehen, den greisen König, im Wagen, am Brandenburger Tor. Fast die einzige war sie damals gewesen, die sich vor ihm zum Gruß beugte. Als ob er die Liebe seines Volkes verloren hätte. Ernst hatte sein gütiges Auge über alle hinweggesehen, ernst und milde. Ja, auch er hatte sich die Liebe erobern müssen, in schwerem Ringen! Aber nun hielt er dort drüben, bei seinem großen Ahn, Friedrich dem Einzigen, und ein dankbares Volk jubelte ihm zu. Nun hatte er dieses Volkes Liebe für alle Zeiten —
Das Herz pochte, und in ihr war der große Jubel: Heil, König dir!
Mit einem Male, plötzlich, war sie wieder ganz die Tochter des alten Rittmeisters, die echte Märkerin, die leidenschaftliche Patriotin: ‚Heil, König dir!‘
Unten zogen die eroberten Fahnen durch die Ruhmesstraße.
Dann folgten, im endlos langen Zuge, die siegreichen Truppen. Die Musikchöre spielten. Immer aufs neue setzte der Jubel ein. Im Feldanzug kamen die Regimenter, mit Blumen bekränzt die Gewehre, die zerschossenen Helme. Im festen Tritt marschierten sie an dem Kriegsherrn vorüber —
Und nun spähte Helene mit Falkenblick. Schon von weitem sah sie die schwarzen Käppis der Schützen. Sah dann vor seinem Zuge ihn, Gaston. Sah ihn vor dem Könige salutierend den Degen senken, sah, wie sein Blick sich wandte, suchend, forschend, bis er sie fand. Und da erst dachte sie daran, daß neben ihr ein alter Herr stand, mit dem Roten Adlerorden im Aufschlag des schwarzen Rockes, ein alter Herr, der von weither gekommen war, den Sohn an diesem Tage zu grüßen und dem König sein „Vive le roi!“ zuzujubeln. Sie faßte seine Hand und sagte: „Vater — sieh — Gaston —“
Unten zogen die Truppen weiter. Regiment auf Regiment, Schwadron auf Schwadron, Batterie auf Batterie. Zogen über die Schloßbrücke zum Altar, der zu Füßen der Borussia errichtet war.
„Ein anderer wird morgen die Kompagnie zur Kaserne führen“, hatte Gaston gestern geschrieben. Aus dem letzten Quartier.
So wußte Helene, daß er kommen und sie finden würde.