Als Tante Oschitz zum letzten Male in Rohlbeck gewesen war, hatte sie ein gewaltiges Ringen mit dem alten Heckstein gehabt. Seitdem streckte der, sobald die Rede auf sie kam, immer abwehrend beide Hände aus: „Hackentin, verschone mich bloß mit der Oschitzen. Die ist mir über.“ Und dazu lachte der „dreimal gesottene Rationalist“, — so hatte sie ihn genannt, bis er nicht mehr konnte.
Übrigens mußte Helene dem „Tränen-Müller“ eigentlich dankbar sein. Das Zünglein, ob Tante Marianne sie auf längere Zeit aufnehmen wollte oder nicht, hatte anfangs ein wenig geschwankt, aber er hatte für sie entschieden. Der schöne Mann liebte die „Schönheit der Kreatur“, wie er es ausdrückte. Als der sich an einem der ersten Abende einfand, hatte Helene das Zimmer verlassen wollen, um nicht zu stören. Da war er auf sie zugekommen, hatte seine weißen, weichen Hände sanft auf ihre Schultern gelegt, sie auf den Stuhl niedergedrückt und mit seiner unendlich milden Stimme gesagt: „So bleiben Sie doch, liebes Kind. Ich sehe Sie so gern an.“ Und außerdem liebte er die Musik, sogar die weltliche. Von ihm zuerst hörte sie vom trefflichen Grell, dem Direktor der Singakademie, und vom Sternschen Gesangverein.
Es war sehr still auf der einsamen Insel. Tante Marianne liebte die tiefste Ruhe um sich her. Die Dienstboten schlichen auf Filzsohlen und flüsterten nur. Sogar Harro war auf diese Stille hin erzogen, er sprach im Hause immer vorsichtig und gedämpft. Und doch sprühte dem blonden Gymnasiasten das helle Leben, ja der Übermut aus den blauen, glänzenden Augen. Manchmal, wenn er mit Helene im hinteren Garten spazieren ging, rief er plötzlich laut: „Laß uns laufen! Um die Wette laufen! Bis uns der Atem ausgeht!“ Das taten sie dann. Sie rasten an den hohen Taxushecken entlang bis zum Landwehrgraben und wieder zurück, bis sie wirklich nicht mehr konnten und stehenbleiben mußten, mit roten Wangen und jagenden Pulsen. „Ah, war das schön! War das schön!“
‚Ein Prachtjunge, der Harro! Man muß ihn gern haben!‘ dachte Helene dann. ‚Wer weiß, ob ich’s ohne ihn so gut aushielte auf der einsamen Insel?‘
Denn Tante Oschitz hatte auch ihre „Mucken“. Sie tyrannisierte auf ihre milde Art das ganze Haus und alles, was darin war.
„Nimm dich in acht vor Tante Marianne!“ hatte Wilhelm bei der Übersiedlung gesagt. „Es hat manchem nicht gut getan, mit ihr Kirschen essen zu wollen.“
Dabei standen sich eigentlich gerade der Bruder und Tante Oschitz merkwürdig gut. Manchmal saß Wilhelm wohl eine Stunde und länger bei ihr allein. Manchmal hörte sie fast andächtig zu, wenn er von seinen Projekten sprach. Manchmal freilich strich sie ihm auch eine bittere Wahrheit fingerdick aufs Brot. Gleich in den ersten Tagen einmal. Da hatte er ihr im Auftrag von Vater von der Pension gesprochen, die der für Helene bezahlen wollte.
„Nein, mein lieber Wilhelm, Geld nehme ich nicht. Der Rittmeister hat’s nicht dazu, wird schon seine Mühe haben, das sündhaft schwere Geld für den Unterricht aufzubringen. In Rohlbeck konnte man ja nie rechnen, hat immer nur depensiert. So ist’s denn da immer weiter bergab gegangen.“ Sie sagte es, die Hände im Schoß gekreuzt, mit sanfter Stimme, die aber einen eigen bestimmten Klang hatte.
„Sparsam genug haben Vater und Mutter, weiß Gott, gelebt.“
„Laß doch den lieben Gott aus dem Spiel. Ja, sparsam haben sie gelebt, aber wirtschaften konnten sie nicht. Damit sind sie bei aufgepritschten Brotsuppen und Braunbier auf den Hund gekommen. Ich hab’s doch noch erlebt, als deine Mutter ihr letztes Väterliches ausgezahlt bekam. Dreißigtausend Taler waren es, und in zwei Goldtönnchen ist’s in Rohlbeck angekommen. Was haben sie damit gemacht? Die Tönnchen unter ihre Betten gestellt, und wenn jemand Geld brauchte, dann langte er hinein. Wenn ich’s nicht beschwören könnte, würde ich’s selber nicht glauben. Nicht zinstragend angelegt, nichts — nichts! Einfach aufgebraucht, bei Wassersuppen und Braunbier. Und dabei ist Heinersdorf verkauft worden, und Grunow mußte verkauft werden. Es ist eigentlich gar nicht auszudenken. Sünde ist’s — Sünde!“