„Bon jour, monsieur de Merivaux“ rief Wilhelm über das Gitter.
Der junge Offizier blickte überrascht auf, senkte den Degen zum Gruß. „Weggetreten“, kommandierte er mit heller Stimme. Die Büchsen klirrten gegen die Gewehrständer, es gab auf einen Moment ein Rasseln und Rauschen. Dann, so schien es, wollte der Neuchateller an das Gitter treten. Aber als ob er sich im letzten Augenblick besönne, grüßte er nur noch einmal und wandte sich nach der Säulenhalle, wo der Kamerad, den er abgelöst hatte, wartend stand.
„Monsieur de Merivaux makte ja ein serr brummiges Gesicht.“ Es klang etwas spöttisch, wie Schwarz das sagte. Es klang etwas komödienhaft mit der übertriebenen Nachahmung des Akzents. Und es sah spöttisch und herausfordernd zugleich aus, wie er dabei mit seinem dünnen Stöckchen gegen die Beinkleider klopfte.
Drüben stand eine einsame Droschke.
„Können wir nicht nach Hause fahren“, bat Helene plötzlich. „Ich bin so müde, Wilhelm.“
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Nun war Helene Hackentin bei der Tante Oschitz untergebracht. „Auf ein paar Wochen,“ hatte Vater geschrieben, „das heißt, wenn wir’s so lange ohne dich aushalten.“ „Ich behalte dich auch ein paar Monate,“ hatte Tante Marianne gesagt, „das heißt, wenn du keine Späne machst.“
Frau von Oschitz bewohnte dasselbe kleine Haus in der Tiergartenstraße, das der verstorbene Geheime Rat vor einem Vierteljahrhundert gekauft hatte. Rechts nach der Bendlerstraße zu war vor wenigen Jahren ein dreistöckiges Miethaus entstanden, links eine große Villa aufgeführt worden. Dazwischen stand das graue Häuslein, das noch aus der kurfürstlichen Zeit stammte und einst ein Lustschlößchen gewesen sein sollte; ein tiefer Vorgarten schied es von der Straße; dahinter dehnte sich ein noch größerer, wenig gepflegter Garten bis zum Landwehrgraben. „Meine Insel“ nannte Tante Oschitz ihren Besitz manchmal, und er war wirklich wie ein abgeschiedenes Stückchen Erde. Wenn Helene in der ungeheuerlich tiefen Fensternische stand, in der ein ganzer Schreibtisch Platz gefunden hatte, und in den Garten hinaussah, konnte sie denken, daß sie in Rohlbeck wäre. Der Lärm der Stadt drang nicht bis hierher, die weite, von hohen Bäumen umrahmte Rasenfläche glich einer Wiese, und sogar eine Stallung fehlte nicht. Die Pferde freilich hatte Tante Marianne bald nach dem Tode ihres Mannes abgeschafft. „Das Geld, das sie fressen, kann ich besser verwenden.“
Die kleine, zarte Dame sollte einst eine Schönheit gewesen sein. Heut sah man wenig davon. Das Gesicht war mit Fältchen übersät, vor der Zeit gealtert. So hieß sie in der Familie die alte Tante Oschitz und war doch noch gar nicht so sehr alt. Helene wußte das: Mutter, die immer gern den Jahren anderer nachrechnete, hatte oft genug davon erzählt: Marianne Hackentin war Hofdame bei der Prinzessin der Niederlande gewesen, hatte ungezählte Körbe ausgeteilt und erst mit dreißig und einigen Jahren, als sie „längst aus dem Schneider heraus war“, wie Mama das ausdrückte, den Geheimrat erhört — „Matthäi am letzten“. Der einzige Sohn aber, Harro, war siebzehn. Also hatte Tante Marianne etwa die Fünfzig erreicht. Helene kam sie vor wie eine Greisin. Und die kleine, schwächliche Frau wußte sich, bei aller Güte, auch den Respekt einer Greisin zu wahren. Selbst dann, wenn man manchmal gern über sie gelacht hätte.
Einst, erzählte man in der Familie, sollte Tante Oschitz sehr lebenslustig gewesen sein. Mit ihrer Verheiratung war eine Veränderung ihres Wesens eingetreten, über die sogar der Rackower, ihr Jugendfreund, noch heute den Kopf schüttelte; seit sie Witwe war, lebte sie fast ganz weltabgeschieden. Nur ihrem Harro und ihren guten Werken; allenfalls noch ihrer Porzellansammlung, obwohl sie jeden Groschen, den sie dafür ausgab, eigentlich als Sünde betrachtete. Sie war sehr fromm. Die Landeskirche genügte ihr nicht, und sie hatte sich einem kleinen Kreise ähnlich gerichteter Seelen angeschlossen, die der Pastor Müller um sich versammelte. Ein Geistlicher, der auch aus der Landeskirche ausgeschieden war. „Tränen-Müller“ hieß er unter den Ketzern Berlins, denn in seinen Konventikeln sollten die Tränlein fließen wie Bächlein auf den Wiesen.