Wieder fühlte sie seinen Blick. Und wieder sah sie starr geradeaus.
Da rief Wilhelm: „Lene, das Brandenburger Tor! Siehst du die Quadriga? Weißt du: Vater erzählt so gern davon, wie sie Napoleon geraubt hat und wie wir sie uns wiedergeholt haben! Anno achtzehnhundertvierzehn. Du ... hör’ mal ... du hast Glück heute ...“
Von jenseits des Tores klang Trommelwirbel, von dem Wachthause her. Und dann rollte aus der mittelsten Toröffnung ein schlichter, zweispänniger offener Wagen. Ein Greis saß darin, mit weißem Bart, ausrasiert am Kinn. Gerade aufgerichtet saß er in seiner schmucklosen Uniform, dem geschlossenen Paletot, der hohen Mütze.
„Der König —“
Ganz dicht fuhr der Wagen an ihnen vorüber. Helene verneigte sich tief. Es durchschauerte sie: gar nicht tief genug konnte sie sich neigen vor des Königs Majestät. So war es ihr von klein auf gesagt und gelehrt worden.
Ein paar Leute standen rechts, standen links. Nur wenige grüßten.
Und dabei hatte der königliche Greis so huldreich an den Mützenschirm gefaßt; fast war es, als ob sein gutes klares Auge auf einen Moment auf der kleinen Gruppe geweilt hätte, als ob über das ernste Antlitz der Schein eines gütigen Lächelns geglitten wäre.
„Warum grüßen denn die Leute nicht, Wilhelm?“ Jetzt endlich fand Helene die Sprache wieder, und in ihr klang ein Ton der Empörung. „Muß man den König denn nicht grüßen?“
„Du Kind! Ja, man müßte. Aber man muß nicht. Dem Prinz-Regenten haben sie noch zugejubelt. Jetzt ist das anders. Seit ein paar Monaten besonders. Die Regierung ist unbeliebt, und der Berliner hält sich für verpflichtet, das auch dem König zu markieren. Manchmal denk ich: gut, daß Vater still in Rohlbeck sitzt. Der würde seinen Zorn nicht bändigen können.“
Sie waren durch das Tor geschritten. Die Wache war unter Gewehr. Es mußte soeben abgelöst worden sein. Die Gardeschützen waren aufgezogen. Über die grünen Röcke und die goldenen Knöpfe blitzte die Sonne. Und da — am Flügel seiner Mannschaft stand Merivaux, den Degen noch in der Hand.