„Aber besinn dich doch. Ich hab ja so viel von ihm erzählt. Bethel Henry Strousberg, gestern noch ein unbekannter Journalist, heut ein Faiseur, der seine geschickten Finger in allen möglichen Eisenbahnunternehmungen hat. Er wird noch viel von sich reden machen. Denk’ an mich.“

„Werd ich! Werd ich!“

Und sie gingen weiter am Saume des Tiergartens entlang, durch die Schulgartenstraße, die altersgraue Stadtmauer zur Rechten. Schwarz hatte nur wenige Worte gesprochen seit seinen letzten im Musikzimmer. Und nun wunderte sie sich darüber, und sie wartete auf das, was er sagen würde. Er mußte, mußte ihr doch noch etwas sagen! Es war unmöglich, daß sie so weitergingen und sich dann trennten und ... und wer weiß, wann einmal wiedersahen ... niemals vielleicht ...

Oder wartete er darauf, daß sie ihm danken würde? Vielleicht hätte sie’s gemußt. Aber da war etwas in ihr, das ihr die Zunge band. Das Danken mochte Wilhelm besorgen.

Der hatte noch eine Weile von Strousberg weiter gesprochen, dem großen Finanzgenie, der scheinbar aus Papier Gold zu machen verstand. Doch nun fragte er, an der Schwester vorbei: „Wir wurden vorhin unterbrochen, Herr Schwarz. Was also haben Sie für den Winter vor?“

„Ja, so, Herr von Hackentin — es schweben noch verschiedene Engagementsanträge. Eigentlich sollte ich wieder an die Newa. Aber das Klima bekommt mir auf die Dauer nicht. Dann hieß es Wien. Ließe ich mir schon eher gefallen. Die goldige Kaiserstadt an der Donau, wo der Spieß mit dem Backhändl dran sich allezeit dreht. Eine wirkliche Musikstadt zugleich. Freilich, am liebsten möchte ich mich für eine Saison gar nicht binden. Nur gastieren — mit einem pied-à-terre hier. Berlin hat es mir nun einmal angetan — neuerdings —“

Wie er das letzte sagte, fühlte sie, daß sein Auge das ihre suchte. Und mit einem Male überkam sie wieder die Angst, die sie heute früh geschüttelt hatte. Glühend heiß und eiseskalt. Es war nicht mehr der gute Kamerad, der da neben ihr herschritt, dem man dankbar sein mußte: Es war das Schicksal.

Starr sah sie geradeaus.

„Wien ... ja ... eine herrliche Stadt“, hörte sie Wilhelm neben sich. „Ein bissel Phäakenstadt. Aber das reiche wunderbare Hinterland, Ungarn, der ganze Orient — da ist noch eine Zukunft. Da ist viel Geld zu verdienen. Und Sie würden doch lieber hierbleiben? Ist kein Platz für Sie an unserer Oper?“

„Kaum, höchstens als Gast. Hier schwört man zu dem schönen Woworski —“ er zog ein wenig die Achseln hoch — „dann soll ja auch Albert Niemann herkommen. Und schließlich: Exzellenz von Hülsen ist mir persönlich nicht allzu sympathisch. Er sieht mir sein Theaterreich zu sehr wie eine Kompagnie Soldaten an. Aber ich bleibe doch wohl in Berlin. Ich kann mich, ich will mich jetzt hier nicht loslösen ...“