Und nun stand Frau Wippern wieder neben Helene. „Öffnen Sie, bitte, einmal den Mund, Sie kleine Lerche. Recht weit, bitte, daß ich ordentlich hineinsehen kann. Ohne Sorge: ich bin ja kein Dentist, und Ihre Beißerchen können sich außerdem sehen lassen. So ... nun mal tief Atem holen ... langsam ausstoßen. Sehr schön.“ Sie klopfte ihr zärtlich auf die Wange. „Sie sind ein mutiges Menschenkind! Seine helle Freude hat man daran.“ Sie lachte. „Wenn Sie wüßten, mit welchen Angstmeierkindern ich manchmal zu tun habe!“ Dann wurde sie wieder ernst. „Aber nun lassen Sie sich sagen, was ich nach solch einer kurzen Probe sagen kann, sagen darf. Das Material ist einfach wundervoll, und Gott und Ihrem alten Kantor sei’s gedankt, den ich dafür im Geiste umarmen möchte: es ist unverbildet. Gesund ist’s, kerngesund! Eine Wonne für jeden Lehrer. Was daraus zu machen ist? Ich könnte wohl sagen: Großes ... das Größte! Aber, liebes Fräulein von Hackentin, prophezeien ist ein mißlich Ding. Das hat mir seinerzeit meine unvergeßliche Lehrerin, meine teure Franziska Cornes, auch vorgehalten, als ich so vor ihr stand, wie Sie heut vor mir. Eine Menschenstimme ist kein mechanisches Instrument. Sie ist hundert Zufälligkeiten, ist den mannigfachsten Anfechtungen unterworfen. Und der Lehrer allein tut’s auch nicht. Der Schüler muß die rechte Liebe haben, unermüdliche Geduld, einen nimmermüden Fleiß. Er darf nie vergessen, welch kostbares Gut ihm verliehen wurde, muß dies Gut pflegen und hegen wie ein Heiligtum —“
Sie schwieg und sah Helene in das schöne Gesicht, aus dem die Erregung der Stunde leuchtete.
„Nun, Fräulein von Hackentin, wie ist’s? Wollen wir’s daraufhin wagen?“
Da schlug Helene in die dargebotene Hand ein und beugte sich zugleich im unwillkürlichen Impuls, diese Hand zu küssen. Aber Frau Wippern zog sie schnell fort: „Da haben wir’s.“ Sie lachte schon wieder ihr berühmtes silberhelles Lachen. „Als ob ich eine alte Dame wäre mit meinen sechsundzwanzig Jahren. Bloß, weil ich Lehrerin bin und so ernste Worte sprechen kann. Nicht wahr? Und jetzt können wir ja auch die Herren der Schöpfung erlösen.“
Wilhelm war stark befangen, aber Schwarz kam gleich auf die Damen zu: „Nun, hab ich zuviel gesagt? Ich sehe es Ihnen beiden ja an: es war vortrefflich. Meinen Glückwunsch der Lehrerin und der Schülerin!“ —
Dann gingen sie zu dritt die Viktoriastraße hinauf, durch die Lennéstraße dem Brandenburger Tor zu. Helene in der Mitte, Schwarz ihr zur Rechten, der Bruder links.
In Helenens Seele zitterte das Erleben nach. Sie war über die Prüfung hinweggekommen, sie wußte selbst nicht wie. Nun klang es in ihr gleich Musik. Seltsam weich war sie gestimmt. Wie in einem leisen leichten wonnigen Rausch schritt sie dahin. Die Erde schien unter ihr zu federn. Aller Welt hätte sie ein Liebes tun mögen. Da war der Bruder, der gute Wilhelm! Ja ... und der andere, der war doch ein guter Kamerad. Wie dumm sie heut morgen gewesen war. Und so unfreundlich. Allerlei törichte Gedanken hatte sie in sich herumgewälzt.
„Du, Lene, dort drüben wohnt Strousberg.“
Am Morgen hatte sie über Wilhelms Worte hinweggehört, jetzt merkte sie auf. Vielleicht nur, um ihm eine kleine Freude damit zu erweisen.
„Strousberg — wer ist das?“