Einen Augenblick hielt er Helenens Hand in der seinen. Auf einen Moment kreuzten sich ihre Augen. Ihre Hand war eiskalt, aber ihr Blick hielt dem seinen stand. Vielleicht sogar mit einem etwas feindseligen Ausdruck. Schwarz senkte das Auge zuerst, fast wie in leichter Verlegenheit. Er wandte sich schnell zu Wilhelm Hackentin, ihn zu begrüßen. Und da sagte Frau Harriers-Wippern auch schon, auf die Tür des Nebenzimmers deutend: „Jetzt, bitte, lassen die Herren uns allein.“
Die Probe verlief ganz anders, als Helene erwartet hatte.
Es war, als hätte die große Sängerin und Sangesmeisterin ihr die mühsam errungene Ruhe von den Augen abgelesen. Sie ließ ihr Zeit, bat zunächst, abzulegen, begann zu plaudern. Vom Alltäglichen, von der kleinen Reise, von den ersten Eindrücken in Berlin. Anfangs sprach sie fast allein. Dann, allmählich, brachte sie Helene zum Sprechen, lauschte, fragte nach dem bisherigen Unterricht. „Ein alter Kantor vom Lande. Sieh da! Das sind noch nicht die schlechtesten, und ich freue mich immer aufs neue, welche Liebe zur Musik in diesen Leuten steckt, von der leidigsten Schulmeisterei nicht zu töten.“ Fragte weiter, was Helene gesungen habe. Sprach dazwischen wieder von eigenem Erleben.
Langsam wich die Starrheit aus dem Gesicht des jungen Mädchens, das Blut strömte in die Wangen zurück. Der eine Gedanke, der den ganzen Morgen auf ihr gelastet, wurde von dem Zwang, zuhören, antworten, Auskunft geben zu müssen, verdrängt; von dem Interesse an der schönen liebenswürdigen Dame, von der Verwunderung: „Wird sie dich denn noch nicht zum Singen auffordern?“ Ihr Denken konzentrierte sich wieder mehr und mehr auf das Kommende. Es war auch dabei ein leises Sorgegefühl: ‚Wie wirst du bestehen?‘ Aber es lag nichts Drückendes, nichts Beengendes darin.
Soeben hatte die Sängerin noch von ihrer Jugend geplaudert, daß sie im Kloster erzogen worden sei. Nun stand sie plötzlich am Flügel, schlug ein paar Akkorde an: „Bitte, Fräulein von Hackentin, eine Skala ...“
Es war so überraschend, daß Helene gar nicht recht zur Besinnung kam. Aber indem sie sang, schmolz auch der letzte Rest des Angstempfindens. „Brav!“ hörte sie nur. „Und nun noch einmal. Ordentlich heraus aus dem Kehlchen ...“
„So. Und nun singen Sie mir mal etwas ganz Einfaches. Ganz ohne Begleitung. Vielleicht irgendein Volksliedchen. Ganz wie Ihnen der Schnabel gewachsen ist, mit Verlaub zu sagen. Soll ich helfen? Wie wär’s mit ‚Ein getreues Herze wissen, hat des höchsten Schatzes Preis ...‘ Das kennen Sie doch — nicht wahr? Also nun los ...“
So sang sie.
Frau Wippern nickte ihr zu, als die erste Strophe verklungen war. Sang dann die zweite, recht, als ob sie selber die größte Freude daran hätte, ließ Helene die dritte singen: saß am Flügel nieder, blätterte in einem Notenheft. „Wie ist’s? Nehmen wir etwas aus unseres guten Papa Webers „Freischütz“: ‚Kommt ein schlanker Bursch gegangen ...‘“
„Brav! Brav!“ hieß es dann wieder. „Nun noch einmal ein paar Tonleitern. Geben Sie her, was Sie haben. Denken Sie, Sie stünden auf Bergeshöhe, ganz allein, und schmetterten die Töne in die freie weite Luft, mit den Lerchen um die Wette.“