Inzwischen war der Güterzug vorübergepoltert, die Menschenmasse, die sich aufgestaut hatte, wälzte sich über den Platz und zog die Geschwister mit. Durch die stille Bellevuestraße gingen sie. „Das ist der Tiergarten,“ meinte Wilhelm und zeigte auf die entlaubten Bäume. „Fünf Minuten weiter wohnt Tante Oschitz, der wir heut nachmittag unsere Visite machen werden.“

„So“, sagte sie zum dritten Male. Und da gab er es auf.

Und nun waren sie in der Viktoriastraße. Wilhelm suchte die Hausnummern ab. „Hier ist’s.“

Da sah er, zum ersten Male, daß aus dem Gesicht der Schwester jeder Blutstropfen gewichen war. Eigen glänzend standen die großen blauen Augen in dem weißen Antlitz. Nur die Lippen waren rot, rot wie Korallen. Und die Unterlippe hatte Helene ein klein wenig zwischen die Zähne gezogen.

„Du hast ja doch Angst —“

„Bewahre. Was denkst du dir denn.“

Sie gingen die teppichbelegte Treppe hinauf, schellten. Ein Diener öffnete. Wilhelm reichte ihm seine Karte. Er verschwand, kam gleich zurück: „Die gnädige Frau läßt bitten.“

Helene sah ihn nicht sofort, aber sie fühlte: er ist hier.

Sie sah zuerst nur die hohe schlanke Frau, die mit liebenswürdigem Lächeln auf sie zukam. Und sie sah auch, daß Frau Harriers-Wippern ein wenig stutzte, als sie dicht vor ihr stand, wie in einer leichten Überraschung. „Fräulein von Hackentin, ich freue mich, daß Sie sich mir anvertrauen wollen“, sagte sie. „Kollege Schwarz hat mir viel von Ihnen erzählt.“ Das Lächeln in dem jugendlichen Gesicht vertiefte sich ein wenig. „Aber er hat nicht übertrieben, wie ich soeben bemerke.“

Da trat er auch schon hinter den großen Blattgewächsen, die den einen Teil des Salons abgrenzten, hervor: „Sie sind sehr indiskret, gnädige Frau“, scherzte er. „Ich gestehe aber, daß ich ein schlechter Schilderer war.“