Frau Harriers-Wippern wohnte in der Viktoriastraße.

Wilhelm hatte eine Droschke nehmen wollen, aber Helene bat, daß sie zu Fuß gehen dürfte. Ihr war es, als müßte und könnte sie sich einen Druck von der Seele fortlaufen, wie sie wohl in Rohlbeck weit hinaus, über die Felder nach dem Forst gelaufen war, wenn die Unruhe sie geschüttelt hatte.

So gingen sie. Manchmal sah Wilhelm die Schwester heimlich von der Seite an. Er wurde nicht recht klug aus ihr. Ihr Gesicht zeigte eigentlich keine besondere Spannung. Aber ihre Gangart war eigen hastig. Manchmal lief sie fast, um dann wieder plötzlich stehenzubleiben, mit irgendeiner Ausrede, mit einem Blick in ein Schaufenster. Aber er sah wohl, daß dieser Blick nur flüchtig über die Auslagen hinglitt, viel flüchtiger, als er’s von dem Provinzmädel erwartet hätte. Ihre Gedanken mußten ganz wo anders sein.

Einmal fragte er: „Hast wohl doch ein bissel Herzklopfen, Lene?“

Da schüttelte sie den Kopf.

Sie gingen durch die Leipziger Straße. Dann und wann machte er sie auf ein Gebäude, auf eine Sehenswürdigkeit aufmerksam. „Da hast du das Kriegsministerium.“ „Das ist das Denkmal vom Grafen Brandenburg ... weißt du, dem Sohn König Wilhelms des Zweiten und seiner morganatischen Gattin, der Gräfin Dönhoff“ — „Das sind die alten Torgebäude und dahinter steht die Stadtmauer, die um das ganze innere Berlin geht.“

Sie nickte dann, aber er fühlte, sie hörte kaum, was er sagte.

Am Tor mußten sie eine Weile warten. Auf der Verbindungsbahn kam durch die Hirschelstraße ein langer Güterzug angekrochen; die Maschine läutete, ein Beamter mit einer roten Fahne ging vor ihr her, um die Passanten abzuhalten. Er erklärte ihr das wieder: wie diese Bahn die einzelnen Bahnhöfe für den Güterverkehr miteinander in Verbindung setze, so daß also ein Frachtstück, das etwa von Stettin käme und nach Breslau bestimmt wäre, nicht umgeladen zu werden brauchte. „So?“ sagte sie und weiter nichts.

„Dort drüben — der Potsdamer Bahnhof war der erste in Berlin. Die Bahn nach Potsdam war nämlich überhaupt die erste in Preußen, ist schon vor mehr als zwanzig Jahren gebaut worden. Du, Lene, da passierte eine komische Affäre. Der alte Nagler, der damals an der Spitze der Post stand, wollte nämlich von der Eisenbahn nichts wissen. Und um zu beweisen, daß sie ganz unnötig wäre, ließ er säuberlich konstatieren, daß der ganze Verkehr zwischen Potsdam und Berlin täglich mit drei Voitüren bewältigt würde. Wozu also eine Eisenbahn? Übrigens sind die Herren mit den langen Zöpfen heut noch nicht ausgestorben.“

„So“, sagte sie wieder und weiter nichts.